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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 167

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
Date
1928-06-01
Page
167 (sequence 1)
Language
German
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Gesdiiditsdeutung und Gesdiidhitsbetracfatung Eine kulturphilosophische Betrachtung Von Hans'Heinrich Die marxistische Geisteswelle, die sich nach Beendigung des Weltkrieges über die tief erschöpften Völker der europäischen Kulturwelt ergoß, hatte — abgesehen von ihrer geschichtlich-sozialen Bedeutung, über die hier nicht zu sprechen ist —? ein charakteristisches philosophisches Wesensmerkmal, die rein rationale Struktur. Darin offenbart sie eine deutliche Aehnlichkeit mit den Geistesströmungen, die in der Ideenwelt der französischen Revolution wirksam waren. Man muß den Zusammenhang der Dinge auf politischem und sozialem Gebiet mit nüchternem und klarem, von trübender Sentimentalität befreitem Wirklichkeitsbhck zunächst einmal erkennen, um die Zukunft einem vorgefaßten Ideal entsprechend formen zu können. Ein erfolgreicher Heilversuch muß eine scharfe, bis in alle Einzelheiten richtige Diagnose zur Voraussetzung haben, auch auf politischem und sozialem Gebiet Jedoch ebenso wie eine positivistische Erfassung der Dinge der Welt auf philosophischem Gebiet die in der Seele schlummernden Energien nicht völlig erschöpft, so daß sich immer wieder, trotz kritizistischer Enthaltsamkeit das metaphysische Bedürfnis einstellt, ebenso wie an die Stelle der rationellen Denkweise die irrationale Vorstellung des Organismus tritt, so wirkt sich dieser Widerstreit der Geisteskräfte auch im geschichtlich-politischen Leben aus. Der Gegenstand der marxistischen Geschichtsbetrachtung ist nicht rational, sondern nur in rationalem Sinne erfaßbar. Der Gegenstand ist nicht die einzelne Nation in ihrer besonderen Eigenart, sondern die auf der kapitalistischen Produktionsweise, d h. auf dem Warentauschhandel beruhende Gesellschaft, die die einzelnen nationalen Kulturstaaten als ihre organischen Glieder umfaßt; das Forschungsobjekt, im engeren Sinne betrachtet, besteht in den Form- und Bewegungsgesetzen, denen die Struktur und die Entwicklunugs- 167

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