Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Juden als unfreiwillige Werkzeuge der Weltpolitik
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 160 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898801--02749-2898897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
B. Segel einflußreiche R. Schneür Salomon von Lady auf dem Wege mystischer Erkenntnis zu der Überzeugung gekommen war, daß Napoleon das gottlose Prinzip vertrat, dessen Sieg dem Judentum in religiöser Beziehung zum Unheil gereichen mußte, während der Zar die heilvolle Macht verkörperte, deren Triumph Israel aufrichten würde. Es entstand darüber sogar eine Spaltung zwischen den polnischen und litauischen Zaddikim, da letztere für Napoleon schwärmten und seine Operationen mit ihren Gebeten unterstützten. Die Kriegshilfe des Zaddik von Lady dagegen beschränkte sich nicht auf das Gebet allein. Er organisierte unter den Juden Litauens and Weißrutheniens einen ausgedehnten Freiwüligendienst, dessen Mitglieder den russischen Armeen die Lebensmittelzufuhr und Munitionsversorgung erleichterten, ihnen mit eigener Lebensgefahr die Wege bahnten, ihre Verwundeten pflegten und einquartierten, dem Feind alle möglichen Hindernisse bereiteten, seine Stellungen auskundschafteten usw. Sie leisteten der russischen MiKtärverwaltung ganz unschätzbare Dienste, die auch anerkannt wurden, indem der Zar nach der Niederlage Napoleons in einem öffentlichen Schreiben die Treue der Juden für Kaiser und Reich rühmte und einem ihrer Repräsentanten namens H a 1 p e r n aus Bialystok einen kostbaren Brillantring verehrte. Die Weissagung des Rabbi von Lady, schien in Erfüllung zu gehen. So weit reichte allerdings seine prophetische Sehergabe nicht, um zu ahnen, daß kurz nach dem Wiener Kongreß Alexander I. umkehren, und eine Periode der Bekehrungsversuche einerseits und andererseits der Bedrückungen und Verfolgungen einleiten würde, die unter seinem Nachfolger alles Dagewesene übertreffen und bis zur Thronbesteigung Alexander II. dauern sollte. Der Zar hatte die uneigennützigen, aufopfernden Dienste der Juden Litauens entgegengenommen und sie öffentlich belobt — damit hatte er sich ein Besitzrecht auch auf alle anderen Juden, namentlich die in Polen erworben. Wir haben gesehen, wie Nowosilzow dieses Besitzrecht ausübte. Der General K u t u s o w fand es sogar selbstverständlich, daß die jüdischen Gemeinden verpflichtet waren, ihm von Amts wegen Spionagedienste gegen die polnischen „Rebellen" zu leisten. Mit den Polen machte Alexander alsbald seinen Frieden und die polnischen Generale, die die napoleonischen Heere gegen Rußland anführten, wurden von ihm nicht nur in Gnaden aufgenommen, sondern wurden mitunter Stützen seines Thrones und Lieblinge seines Hofes (wie z. B. der Vater des berühmten Dichters Grafen Krasinski). An den Juden allein blieb das Odium des schnöden Undanks und der verräterischen 160