Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Juden als unfreiwillige Werkzeuge der Weltpolitik
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 153 (sequence 4)
- Language
- German
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Juden als unfreiwillige Werkzeuge der Weltpolitik Im Auftrage des Zaren arbeitete Nowosilzow ein Projekt über die Regelung der Judenfrage in Polen aus. Hier hatte er Gelegenheit, seine ganze warme Freundschaft für dieses unterdrückte Volk an den Tag zu legen. Sein Plan ging dahin, den Juden eine Sonderorganisation zu geben, die ihnen eine eigene Stellung im Lande allen anderen Bewohnern gegenüber sichern und sie als eigene Korporation von niemanden anders als direkt von Petersburg abhängig machen sollte. (Das war etwas Analoges zu der heutzutage von unseren Nationalisten erstrebten Nationalautonomie mit Minderheitsschutz.) In jeder Kreisstadt sollte eine „Judendirektion", geschaffen werden, alle zusammen sollten einem „Obersten Judenrat", mit dem Sitz in Warschau, unterstehen. Diese Behörden, deren Hauptfunktionäre, Rabbiner wie Laien, vom Kultusministerium ernannt wurden, sollten alle religiösen, sozialen und politischen Angelegenheiten der Juden nach innen wie nach außen regeln. Vor allem war Nowosilzow um die Zukunft der jüdischen Religion besorgt und bestimmte, daß jeder Jude, der den Vorschriften seiner Religion zuwider handelte, durch die „Judendirektion" zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden konnte, denn, wie er sich ausdrückte, der Staat müsse darüber wachen, daß die Juden die Grundsätze ihrer Religion nicht verletzten. Sogar die Karaiten wollte Nowosilzow der Kompetenz dieser jüdischen Behörden unterwerfen. Dieses Vorhaben widersprach, wie der ganze Plan, dem Geist des Judentums und den vitalsten Interessen der Juden auf das schroffste — war im Grunde nur eine Kopie des Projektes des Senators Popow von 1809, das den Juden in Litauen, Weißruthenien und der Ukraine galt Dieses Projekt war an sich nur ein Abklatsch der berüchtigten „Judendirektion", mit der die Regierung Maria Theresias, kurz nach der ersten Teilung Polens, die galizischen Juden zu beglücken gedachte. Die „Judendirektion" Maria Theresias trat wirklich ins Leben, fand heftigen Widerstand bei der jüdischen Bevölkerung und löste sich nach kurzem Bestände unter schweren Kämpfen wieder auf. Das Projekt Nowosilzows ist nicht einmal zur Ausführung gekommen, aber schon, daß er die Karaiten den Juden unterwerfen wollte, mußte ihn als warmen Judenfreund empfehlen, obwohl die Juden von Religionswegen gezwungen waren, solche Oberhoheit entschieden abzulehnen. Das hinderte den Senator nicht, die Forderung der Karaiten in Troki, die Juden aus dieser Stadt auszuweisen, im Senat energisch zu unterstützen und im Jahre i834 ins Werk zu setzen. Die Heranziehung der Juden zum Militärdienst bildete seit langem 153