Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 148 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Edgar Michaelis den Druck falscher Autorität und Bindung, ein Grunderlebnis des Menschen Freud, findet hier den gesteigertsten Ausdruck. Nur „seiner eigenen Kraft" will er alles verdanken, nichts „empfangen" haben, weder historisch noch metaphysisch. „Wie sollte den armen, unwissenden, unfreien Vorvätern die Losung all dieser schwierigen Welträtsel geglückt sein!" „Die Kritik hat die Beweiskraft der religiösen Dokumente angenagt, die Naturwissenschaft die in ihnen enthaltenen Irrtümer aufgezeigt, der vergleichenden Forschung ist die fatale Ähnlichkeit der von uns verehrten religiösen Vorstellungen mit den geistigen Produkten primitiver Zeiten und Völker aufgefallen." Von innerer Erregung getrieben, geht Freud, ohne überhaupt das Wesen echter Religiosität und etwaiger zeitlicher, dogmatischer Trübungen zu untersuchen, bis zur Anschuldigung der Religionen schlechthin an der Verbildung der Menschheit über: „Die Unsittlichkeit hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere Stütze gefunden als die Sittlichkeit" „Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es ganz unmöglich, daß gerade die religiöse Erziehung einen großen Teil Schuld an der relativen Verkümmerung trägt?" — „Wer sich einmal dazu gebracht hat, alle die Absurditäten, die die religiösen Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg zu verwundern." Was den früheren Jahrtausenden nicht gelang, das wird der moderne Mensch mit Hilfe seiner Wissenschaft leisten. — Die „Psychoanalyse" wird den Grund einer neuen Ära der Menschheit legen. Sie hat die „Illusionen" der Religion zerstört Nur „unsere Wissenschaft ist keine Illusion. Eine Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anders woher bekommen könnten, was sie uns nicht geben kann . . ." Gerade diese Übersteigerung der Freudschen Ansprüche zeigt die innere, nicht anders als dämonisch zu bezeichnende Getriebenheit, mit der er bis in die letzte Konsequenz seinen Weg des „Aufruhrs" verfolgt Sie erhärtet, wie berechtigt es war, von „einer Menschheitsproblematik" der Freudschen Psychoanalyse zu sprechen, die weit über fachliche und symptomatisch-therapeutische Bedeutung hinaus an letzte Fragen nach Sinn und Wesen des Lebens rührt So unzureichend, ja ärmlich die Beweisführung der antireligiösen Schrift Freuds selber ist, als seelisches Dokument beansprucht sie allergrößte Beachtung. In ihr wird die Gesamtsituation unserer Zeit, als deren Ausdruck Freuds Psychoanalyse allein zu verstehen ist, noch einmal schlagartig beleuchtet Was Nietzsches tragisch-aufragende Gestalt voraussah: 148