Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 147 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Freud und die Religion Freuds antireligiöse Haltung —, wenn auch entsprechend seiner andern Artung ohne die letzte Intensität, die Nietzsche eignete —, aus den Wurzeln seines gesamten Kämpfens überhaupt Sie läßt sich, wie schon zu Anfang gezeigt, Jahrvzehnte zurück verfolgen. In der Darstellung der „infantilen Neurose" hat Freud religiöse Kämpfe bis in das 4. Jahr zurückverfolgt und die Problematik aufgedeckt, die blasphemische Kritik gegen Gottvater: „wenn er allmächtig sei, so sei es seine Schuld, daß die Menschen schlecht seien und einander quälen, er hätte sie gut machen sollen". — Die Unterwerfung unter die „Anangke", das Naturgesetz, die in der „Zukunft einer Illusion" ausgesprochen wird, findet sich schon in der Studie über Leonardo, den er bewundert, weil er „von der Güte oder Gnade Gottes keine Milderung erwartet". Das Motto der Traumdeutung hatte den kühnen Protest direkt verkündet: „Die Unterwelt in Aufruhr setzen zu wollen, weil man die Himmlischen nicht rühren könne." — Im eigenen konfliktreichen Werden hat Freud im Kampfe gegen allen Druck falscher Autorität, der sich bei ihm in der Tat in erster Linie gegen den eigenen Vater richtete, den „Glauben" verloren, — und nicht mehr aus sich heraus neu begründen können. Die Strömung seiner Zeit, — der Empirismus des Naturwissenschaftlers hat dabei mitgewirkt Die eigene Gebrochenheit, die ihn zur Leugnung der höheren Strebungen führte, hielt ihn in der Situation der Abwehr und der Verneinung fest Von den „ewigen" Fragen kam er dennoch nicht los. Immer wieder berührt seine Spekulation die „letzten" Dinge: Li „Jenseits des Lustprinzips" gesteht er „mit einer Gleichung mit zwei Unbekannten" zu arbeiten. Die Traumdeutung sprach „vom Nabel des Traumes, der Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt". Das „Ich und das Es" prägt den im Grunde erschütternden Satz: „Wir werden gelebt von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten." Aber Freud kann sich nicht wie Goethe in Ehrfurcht vor dem „Unerforschlichen" beugen . . . Und obwohl er bis in die letzten Jahre die „Unkenntnis der Ichentwicklung" selbst zugegeben hatte, treibt es ihn jetzt zum direkten Vorstoß gegen die religiösen Lehren, — ruht er nicht bis er sie als „Illusionen" entwertet hat Nach der vermeintlichen Bescheidung, mit der „die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands" abgelehnt worden war, nach dem Verzicht, den noch das Motto der Traumdeutung aussprach, „die Himmlischen nicht rühren zu können", tritt der ungeheure Anspruch, selbst etwas Besseres an die Stelle der „überlebten", „veralteten" „Religionen" zu setzen, die Menschheit „vom Druck der religiösen Lehren" zu befreien. Die rebellische Auflehnung gegen 147