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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 149

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Freud und die Religion
Date
1928-06-01
Page
149 (sequence 11)
Language
German
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Freud und die Religion „Die Krisis, wie es keine auf Erden gab", ist seither immer mehr „Ereignis*" geworden, — wenn auch nach den Jahren des Weltkrieges und der Revolution scheinbar abebbend, in dem Getriebe des Alltags oft fast nicht bewußt Es gehört zur Bedeutung Freuds, daß in ihm die latente Spannung sichtbar wird. Wie sehr sich der Kampf um die Psychoanalyse zeitweise wissenschaftlich verhüllt, von Freud selbst wird der Streit über die Grenzen der Fachlichkeit, der rein sachlichen und theoretischen Betrachtung hinausgetragen, die Besinnung auf letzte Fragen herausgefordert Es bedarf kaumdes Hinweises, daß auch für die praktische Ausübung sowohl als Arzt, wie als Erzieher und „Seelsorger" die Klärung dieser Fragen grundlegend ist Das Problem, was an der Psychoanalyse „heilend" wirkt, kann hier ebensowenig erörtert werden, wie das nach den Kriterien der Heilung überhaupt Die symptomatische Entlastung, die praktische Leistungsfähigkeit allein reichen nicht aus; die Anpassung an die „äußere Realität", die sich die Psychoanalyse als Ziel setzt, ist sub specie aeterni doppelt anfechtbar. „Wenn man das ,Ewige' im Menschen leugnet, ist der Lebenswein ausgeschenkt", heißt es bei Kierkegaard. Trotz allem — und das ist das große und paradoxe Phänomen, vor das er uns stellt, — bleibt Freuds Anspruch zu Recht bestehen, „am Schlafe der Welt gerührt zu haben." Wie auch immer die Formulierungen seiner Lehre im einzelnen zu werten sind, seine Forschung hat neue und weittragende Impulse gegeben. Je mehr man verstehen lernt, daß auch seine Irrungen und Verzerrungen nicht einer Willkür, sondern innerer konfliktreicher Not entsprangen, um so stärker tritt an Stelle der bloßen Polemik die Möglichkeit einer Überwindung und Lösung der Fragen, vor die er uns stellt Der Kampf um die Religionen, den er über alle Konfessionen hinweg unternimmt, zwingt noch einmal zur Rechenschaft Er legt in Fortführung der Vergleichung mit Nietzsche, auf die ich hinwies, Gedanken nahe, die in seinem Werk über diesen Ernst Bertram im Kapitel des „Judas" anrührt: an der Wende einer Zeit sei das Bild des Empörers mit dem der Erneuerung tragisch verknüpft Was dort von Nietzsche ausgesagt wird, kann gerade im Zusammenhang der nachgewiesenen Leugnung und „Verdrängung" des Primats der „höheren" Strebungen noch als Gleichnis des widerspruchsvollen und dennoch fruchtbaren Werkes Freuds Geltung finden: „Vor Bildern wie dem seinen, gedenken wir —, daß wer Gott tötet, ihn gerade dadurch der Menschheit erhält" 149

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