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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 146

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Freud und die Religion
Date
1928-06-01
Page
146 (sequence 8)
Language
German
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Edgar Michaelis rade durch seinen Kampf gegen die Religionen noch einmal erhärtet (Vergl. meine Darstellung" der „Menschheitsproblematik der Freudschen Psychoanalyse", Verlag J. A. Barth, Leipzig 1925). So selbstbewußt und sicher seine Behauptungen scheinen, sie sind Ausdruck einer inneren Not und Zerrissenheit So gewinnt der Einblick in den seelischen Konflikt des Menschen Freud erhöhte Bedeutung. Mit der Aufdeckung dieses menschlichen Hintergrundes wird es möglich, über alle Polemik hinaus zum Verständnis des inneren Kampfes zu kommen, der für den Entwicklungsgang der Psychoanalyse so bestimmend, ja grundlegend wurde, und der über alle individuellen Besonderheiten als Ausdruck und Spiegel einer „über-individuellen" Gesamtlage erscheint Denn es ist das tragische Erlebnis dieser Zeit der Krisis, daß sie zur inneren Entzweiung und zur Erschütterung und Leugnung der ursprünglichen ideellen Strebungen führen konnte. Das Wort vom „Hasser aus Liebe", ursprünglich wohl auf Strindberg gemünzt, gilt noch für Freud, wie es in gewissem Umfange für Nietzsche gilt Wie Nietzsche, in dem der innere Widerstreit von Bejahung und Leugnung am erschütterndsten Ausdruck findet, sich selbst später als Leugner und Spötter des „Ideals", des „Heiligen", der „Seele" erklarte, obwohl er ein Sehnsüchtiger und Liebender war, so ist Freud in seinem Bezirke und bei aller Verschiedenheit der Artung, zum „Leugner" des Glaubens an die Innerlichkeit des Ideals geworden. Wie sich Nietzsche gegen die Rolle des „Propheten", „Weisen", „Heiligen", „Welterlösers" wehren zu müssen glaubt, lehnt Freud es ab, im Sinne der „Veredlung" zu wirken, „sich vom Kranken an die Stelle seines Ichideals setzen zu lassen, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen"... Die nähere Analyse deckt mit dem inneren Konflikt die ursprüngliche Sehnsucht, die verborgene, nur verschüttete Menschlichkeit auf — die zeigt, daß die Erschütterung und „Verdrängung" dieser Idealität die Voraussetzung allen Angriffs war. III Es ist von tiefster Bedeutung und Konsequenz, daß Freud —, auch hier wieder bei aller Verschiedenheit Nietzsche vergleichbar — das religiöse Problem zum Gegenstand der Untersuchimg und Bekämpfung machte. Es ist in keiner Weise nur eine Laune oder vermeintliche Schwäche, daß seine Forschung sich bis in diese Region erstreckt So wie der Kampf um das Heilige —, ein Kampf nicht gegen Jesus selbst, sondern gegen das „Christentum", von dem er Jesus ausdrücklich ausnahm — zum Wesen Nietzsches gehört, so erwächst 146

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