Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 143 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Freud und die Religion gebung ertragen lernen. Was soll ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von dessen Ertrag doch nie jemand etwas gesehen hat? Als ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde wird er seine Scholle zu bearbeiten wissen, so daß sie ihn nährt Dadurch, daß er seine Erwartungen vom Jenseite abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, daß das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt Dann wird er ohne Bedauern mit einem unserer Unglaubensgenossen sagen dürfen: „Den Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spatzen." — Die Hinwendung aller Kräfte vom Bereich eines Jenseits auf das irdische Leben braucht an sich nicht religiöser Haltung zu widerstreiten. Eine Legende,, die G C. Carus in der Symbolik der menschlichen Gestalt mitgeteilt hat, kann das veranschaulichen: „Während der Belagerung von Damaskus begegnete zwischen Stadt und Lager ein Geistlicher der Franken einem orientalischen Weibe, tragend ein Becken mit glühenden Kohlen und ein Gefäß mit klarem Wasser. „Was willst Du tun mit diesem Wasser in Deinem Gefäße, und was mit der Glut der Kohlen?", fragte der Mönsch. „Ich trage sie", erwiderte das Weib, „um mit der Glut zu verbrennen das Paradies, und mit dem Wasser zu verlöschen die Flammen der Hölle, damit die Menschen künftighin Gott lieben und dienen mögen nur und ausschließend um der Liebe willen." Von dieser religiösen Haltung weicht die Freuds ab durch die bewußte Negierung „göttlichen" Waltens im Menschen und die Forderung: „Gott überhaupt aus dem Spiele zu lassen und ehrlich den rein menschlichen Ursprung aller kulturellen Einrichtungen und Vorschriften einzugestehen" (vergl. dagegen Goethes letztes Gespräch mit Eckermann am 7. März i832). Die Möglichkeit, wie aus der blinden Triebhaftigkeit „Kultur" entstehen kann, wird von Freud nicht zu klären versucht Er begnügt sich mit der gelegenb-. liehen Feststellung, daß „äußerer Zwang allmählich verinnerlicht" werden kann. In der Studie über Leonardo da Vinci noch hatte er wenigstens zugegeben, daß „Verdrängungsneigung und Sublimierungsfähigkeit unerklärbar seien durch die psychoanalystische Bemühung" — und daß auch „das Wesen der künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich" sei Jetzt glaubt er, über solche Bedenken hinweg, die Religiosität ausschalten und als „historische Relikte neurotischer Art" abtun zu können. Ohne „Dogma" und ,Religiosistät" zu unterscheiden, wird „Religion" schlechthin als „einer Kindheitsneurose ver- 143