Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 142 (sequence 4)
- Language
- German
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Edgar Michaelis Geistesarbeit zu ersetzen." „Die uns gestellte Aufgabe der Versöhnung des Menschen mit der Kultur wird auf diesem Wege weitgehend gelöst werden." An Stelle der überlebten Religionen tritt mit dem Anspruch „wissenschaftlicher" Erkenntnis und Lösung der „Welträtsel" nach Haeckel und Marr-- die neue Lehre der Psychoanalyse. Die Aufstellungen über die „unfaßbaren, unhemmbaren Triebe" können einen Vergleich mit Schopenhauers „blindem Willen zum Leben" nahelegen. Näheres Eingehen ließe zeigen, daß gerade Schopenhauer trotz seiner pessimistischen Haltung dem Wesen und der Absicht nach zum „transcendentalen Erlebnis" der „Erlösung", der „Wiedergeburt" hinführen will. Ausdrücklich wird die tiefe Überemstimmung seiner Lehre mit „der christlichen Glaubenslehre" sowohl „wie den wieder in ganz anderen Formen vorgetragenen Lehren und ethischen Vorschriften der heiligen Bücher Indiens" von ihm betont Die grundlegende Beziehung auf die „Platonische Idee" entspringt nicht nur historischer Ehrfurcht, sondern — trotz aller Verschiedenheit der Darstellung — einem Wesenszusammenhang. Der Theorie Freuds sind diese „über-empirischen" Bezirke fremd. Autoritätslos, ganz auf sich gestellt, unternimmt er es, „den Trug der Religionen" zu enthüllen. Sie sind nur „Märchen", erfunden zum „Tröste", „geboren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerung an die Hilflosigkeit der eigenen wie der Kindheit des Menschengeschlechts". Jetzt aber ist der Mensch mündig geworden, seine Kritik ist erwacht Nun erkennt er, daß aller „Glaube" nur dem „Wunsche" entspringt, sich über die Schwere des Daseins hinwegzutäuschen, der Welt und dem Leben ihre Schrecken zu nehmen. Aber „der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben; er muß endlich hinaus ins feindliche Leben". Man darf das die „Erziehung zur Realität heißen". Denn Realität ist für Freuds Theorie nur die Welt äußerer Erfahrung —, die Welt, die gleichsinnig von Plato und Kant, Spinoza und Schopenhauer als die der bloßen „relativen", ideenfremden „Erscheinung" gekennzeichnet wurde. Der „empirische" Standpunkt Freuds kennt nur diese grausame Welt äußerer Notwendigkeit, der man „sich unterwerfen" muß, um das Leben zu ertragen, wie es ist Dieser harten, nüchternen Welt will er nun, gestützt auf die Mittel seiner Wissenschaft, entgegentreten. Denn ganz ohne Hilfsmittel ist der Mensch nicht, seine Wissenschaft hat ihn seit den Zeiten des Diluviums viel gelehrt und wird seine Macht noch vergrößern. Und was die großen Schicksalsnotwendigkeiten betrifft, — die wird er eben mit Er- 142