Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 144 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Edgar Michaelis gleichbar" erklärt, „die die Menschheit überwinden werde wie so viele Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen". IL Wer so den Bereich werterfüllten Lebens angreift, wird zuvor seine eigene Befugnis erweisen müssen. Prüft man dazu die Voraussetzungen, auf die Freud ßich stützt, so zeigt sich, daß seine Anschauungen vom „Wert" überhaupt durchweg verzerrt und unklar sind. Es ergibt sich ein Bild des Menschen, das bis ins einzelne mit dem überemstimmt, was Schiller in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung" als das der Stufe sinnlicher Befangenheit charakterisiert hat: „Selbst das Heilige im Menschen, das Moralgesetz, kann bei seiner ersten Erscheinung in der Sinnlichkeit dieser Verfälschung nicht entgehen. Da es bloß verbietend und gegen das Interesse seiner sinnlichen Selbstliebe spricht, so muß es ihm so lange als etwas Auswärtiges erscheinen, als er noch nicht dahin gelangt ist, jene Selbstliebe als das Auswärtige und die Stimme der Vernunft als sein wahres Selbst anzusehen. Er empfindet also bloß die Fesseln, welche die letztere ihm anlegt, nicht die unendliche Befreiung, die sie ihm verschafft Ohne die Würde des Gesetzgebers in sich zu ahnen, empfindet er bloß den Zwang und das ohnmächtige Widerstreben des Untertans... Kein Wunder, wenn eine Religion, die mit Wegwerfung seiner Menschheit erkauft wurde, sich einer solchen Abstammung würdig zeigt... Er hat es nicht mit einem heiligen, bloß mit einem mächtigen Wesen zu tun. Der Geist seiner Gottesverehrung ist also Furcht, die ihn erniedrigt, nicht Ehrfurcht, die ihn in seiner eigenen Schätzung erhebt" Was hier als Ausdruck des nur „physischen" Zustandes im „sinnlichen Erkenntniskreise" geschildert wird, ist trotz der „Wissenschaftlichkeit" in der Tat durchaus der Standpunkt der Betrachtung Freuds. Als „tiefstes Wesen des Menschen" hat seine Lehre „Triebregungen elementarer Natur" aufdecken wollen, „die bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen." Ideal und Gewissen entstammen „dem äußeren Zwange"; sie „umfassen die Summe der Einschränkungen, denen der Mensch sich fügen soll". „Könnten die Menschen", so setzt Freud in der antireligiösen Kampfschrift über „Die Zukunft einer Illusion" diese Betrachtung fort, „sich ungestört durch inneren Zwist der Erwerbung von Gütern und dem Genuß derselben hingeben, das wäre das goldene Zeitalter." Die Lehre Freuds weiß nichts von einem inneren Streben nach Vervollkömm- 144