Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 141 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Freud und die Religion schränkenden, grausam Verbietenden": „Es umfaßt die Summe der Einschränkungen, denen das Ich sich fügen sollte, und darum müßte die Einziehung dieses Ideals ein großartiges Fest sein für das Ich, das dann wieder einmal mit sich zufrieden sein dürfte." Diese Lehre wird immer wieder verkündigt: Zwang und Verbot, Entsagung und Entbehrung sind die Mächte, aus denen alle Gestaltung hervorgehen soll. Für einen „inneren Trieb zur Vervollkommnung" ist in dieser Lehre kein Raum: „Ich glaube nicht an einen solchen Trieb und ich sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere." „Das Es", so lautet die pessimistische Folgerung, „hat keinen einheitlichen Willen zustande gebracht Was wir unser Ich heißen, verhält sich im Leben wesentlich passiv. Wir werden gelebt von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten." Die düstere Paradoxie des Freudschen Weltbildes wird noch gesteigert, wenn man gewisse Spekulationen über den „Todestrieb" heranzieht, mit dem mehrfach gerade die sogenannten „Ichtriebe" identifiziert werden, während die Bedeutung von „Lebenstrieben" nur dem „Sexualtrieb" zukommen soll Der Mensch: ein Bündel blinder, unfaßbarer, unhemmbarer Wünsche, „vom ungezügelten Drängen nach Lustgewinn beherrscht", mit „der Tendenz zur Destruktion, zur Zerstörung", zur Wollust und zum Tode, so zerlegt ihn die Analyse Freuds. Das direkte Mittel zur Bekämpfung der von ihr enthüllten dunklen Mächte wird von der „wissenschaftlichen Arbeit" erwartet: „Wir glauben daran, daß es der wissenschaftlichen Arbeit möglich sein wird, etwas über die Realität der Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können." Die Psychonalyse will den Menschen „wissend" machen. Im Bewußtsein ihrer Errungenschaften sieht man nicht ohne Verachtung auf frühere Zeiten zurück, wo die „religiösen Lehren" geschaffen wurden. Aber „es wäre noch sonderbarer, daß unseren armen, unwissenden, unfreien Vorvätern die Lösung all dieser schwierigen Welträtsel geglückt sein sollte". Nicht Indien, Hellas, Palästina, keine der kulturellen Epochen hat das Wesen des Menschen in seiner Beziehung zum Ewigen zu erfassen vermocht. Unserer Zeit blieb es vorbehalten, sich Klarheit zu verschaffen. „Uns hat sich mit Hilfe der historischen Reste die Auffassung der religiösen Lehrsätze als gleichsam neurotischer Relikte ergeben und nun dürfen wir sagen, es ist wahrscheinlich an der Zeit wie in der analytischen Behandlung des Neurotikers die Erfolge der Verdrängung durch die Ergebnisse der rationellen 10* 14t