Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Edgar Michaelis naurose zu bezeichnen" sei, der 1927 in erweiterter Form wiederkehrt „Die Religion wäre die allgemeine menschliche Zwangsneurose, wie die des Kindes stammte sie aus dem Ödipuskomplex, der Vaterbeziehung." Es handelt sich mithin keineswegs etwa um eine Anschauung des Alters, wie gelegentlich zur abschwächenden Bedeutung von Freuds Darlegungen behauptet wurde, sondern um eine Grundhaltung seines Lebens. In der „Kindheitserimierung des Leonardo da Vinci" heißt es gleichfalls: „die Religiosität führt sich biogisch auf die lang anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt hat, seine Lage ahnlich wie in der Kindheit empfindet und deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht". „Im Elternkomplex erkennen wir die Wurzel des religiösen Glaubens." „Sobald die Autorität des Vaters zusammenbricht, verlieren jugendliche Personen auch den religiösen Glauben." Der psychologische Wahrheitsgehalt dieser letzten Feststellung —, der Erschütterungsmöglichkeit des bloß kindlich-autoritativen Glaubens — ist nicht zu bestreiten. Ihre verabsolutierende Umkehrung aber, daß, weil ein unreifes, unzulängliches religiöses Erleben durch Elternkonflikte gestört und verwirrt werden kann, die Religiosität überhaupt sich aus der Elternbeziehung ableitet, zeigt eine Grundposition der Freudschen Lehre an: die reaktive Ableitung aller „ethischen", „ideellen" und auch religiösen Strebungen aus dem äußeren Zwang. „Es scheint" — so wiederholt Freud in „Die Zukunft einer Illusion" —, „daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß." „Ideal und Gewissen" —, die in früheren Jahren überhaupt kaum beachtet, jetzt in der Psychoanalyse wenigstens theoretischer Betrachtung gewürdigt werden — „sind „äußerer Herkunft", „aufgenötigt von außen". „Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter das Gewissen bestellt ist, war von dem durch die Stimme vermittelten kritischen Einfluß der Eltern ausgegangen, an welchen sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und als unübersehbarer Schwärm alle anderen Personen des Milieus angeschlossen hatten (die Mitmenschen, die öffentliche Meinung)." „Wie das Kind unter dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unterwirft sich das Ich" —, wie es in der Psychoanalyse unter häufigem Mißbrauch und Mißverstehen des Kantischen Wortes heißt — „dem kategorischen Imperativ des Über-Ichs." So hat das Ideal nach Freud „wie die gemeine normale Moral den Charakter des hart Ein- 140