Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Freud und die Religion
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 139 (sequence 1)
- Language
- German
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Freud und die Religion Von Edgar Midiaelis „Unglaube und Aberglaube sind beide Angst vor dem Glauben" — „beides Formen der Unfreiheit." (S. Kierkegaard.) I. Es ist bezeichnend für die Stellung, die die Psychoanalyse Freads im Gesamtaspekt unserer Zeit einnimmt, daß ihr in den letzten Jahren gerade von „religiöser" Seite weittragende Bedeutung beigemessen wurde. So hat Tillich bei einer Darstellung über „die religiöse Lage der Gegenwart" direkt den Satz ausgesprochen, daß, während die kirchliche Seelsorge vielfach zu einer Winkelangelegenheit" wurde, erst die seit 1900 heraufkommende analytische Methode zu tieferen Konsequenzen führte. „Hier wurde der Seele ihre Selbständigkeit wiedergegeben"... Versuche einer Verbindung „religiöser" und „psychoanalytischer" Anschauungen sind mehrfach mit mehr oder weniger Kritik gemacht worden (z. R durch O. Pfister von evangelischer, durch Liertz von kathoscher Seite). Dem Psychoanalytiker Müller-Braunschweig „imponiert das Gebilde der Psychoanalyse" als solches bereits als „ein religiöses".. .1) — Unter diesen Umständen verdient es größte Beachtung, daß Freud selbst mit der ihm eigenen Zähigkeit, unbekümmert um alle Versuche einer Annäherung, seinerseits neuerdings die Religionen schlechthin zum Gegenstande des Angriffs macht Die Grundanschauungen seiner Altersschrift „Die Zukunft einer Illusion" lassen sich um zwei Jahrzehnte zurückverfolgen. Bereits der 1907 erschienene Aufsatz über „Zwangshandlungen und Religionsübungen" enthält den allgemeinen Ausspruch, daß „die Religion als eine universelle Zwangsx) „Arzt und Seelsorger", Heft 11. (F. Bahn 1927.) Vergl. dort dagegen die krit. Schriften von E. Jahn (Heft 9) und A. Mae der (Heft 8). 10 139