Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 136 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman eines Heine, eines Alexander von Humboldt umleuchten ihre Gestalt Und nicht wenige mochten wohl dem Urteil ihres jungen Freundes Alexander von der Marwitz zustimmen: „Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein." Rahel war groß und sie war einzig. Groß und einzig vor allem darin, daß die leidenschaftliche Wahrheitskraft ihres Geistes in ihrem Leben und Denken nichts von persönlicher Einsicht nicht restlos Durchdrungenes duldete, so daß bei aller unermeßlichen Fülle von Inhalten und Anschauungen, die sie konstituieren, sie doch als eine völlig selbständige klare Gestalt vor uns steht Aber die Kehrseite der großen Selbständigkeit ihres Geistes ist Isolierung. So sehr Rahel um überpersönliche Lebenszusammenhänge wußte, sich dem Weltgrund verbunden und aus ihm lebend erkannte — sie lebte doch in Wirklichkeit, als ob sie sich selbst erschaffen hätte. Nie hat ihr Sein den Grund berührt, wo es sich selbst zur Frage wurde. Mühelos führt sie der Weg zu Gott über ihr eigenes Selbst „Sie wundern sich, daß ich beten kann", schreibt sie einmal; „geht unser Nachdenken über uns selbst doch oft so weit, daß wir keinen Beweis für unsere Existenz haben, und wir müssen uns fühlen: heißt das nicht, uns selbst anbeten? Wenn das Bedürfnis aufs höchste gestiegen ist, fühlen wir Gott, und dann beten wir." Über die Selbstanbetung also geht ihr Weg zu der Anbetung Gottes. Und so ist Rahel in all ihrem Wissen um ihn, um eine überpersönliche Macht, um ein übergreifendes Gesetz, dennoch tief dem romantischen Sündenfall verfallen: der Metaphysizierung des eigenen persönlichen Ich. Die metaphysische und eben darum streng überpersönliche Erfassung des Ich des Idealismus hat Rahel, wie kaum einer der Romantiker, mit aller Überschwänglichkeit seiner Urkonzeption in das individuelle Ich des Jetzt und Hier herabgerissen — dies rein ideenmäßige Geschehen zugleich erfüllend mit einer persönlichen Leidenschaft ohnegleichen, weil es im selben Atem eine Erfüllung, eine Heilung ihrer dunkelsten, schmerzendsten Lebenswunden war. Und Rahel steht darum doppelt allein, weil ihr völlig der Weg zu den beiden entgegengesetzten Ausgleichsversuchen dieser metaphysischen Selbstüberhebung fehlte, die die Romantik gefunden hat: zur Ironie und zur Einordnung in einen bestimmten bestehenden Religionskreis. Die Ironie, die, obwohl sie eine überpersönliche Haltung des persönlichen Geistes selbst bedeutet, aus seiner Erhebung ins Absolute gerade allem Einzelnen am Ende doch wieder seinen letzten Ernst nimmt, fehlte Rahel vollkommen. So leicht und beschwingt ihr Geist 136