Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 135 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahe! hagen. „Ja, ich bekenne es dir gerne, mit dem ganzen Drang der Erkenntlichkeit: von dir lernte ich Geliebtsein, und du hast Neues in mir geschaffen . . . Freue dich, wenn du wirklich etwas von mir hältst, und mein Leben und Sein für ein außerordentliches nimmst: du hast es zu einem menschlichen gestempelt" Und so konnte Rahel nach langen Jahren erst der Kämpfe, dann des Wartens und häufigen Getrenntseins mit Ruhe und Freudigkeit im Herbst 181/i ihr Leben für immer mit dem Varnhagens verbinden. „Wie könnte mit Dir ein Verhältnis nicht schön sein", schreibt er ihr kurz vor der Heirat, „selbst wenn wie an diesem tausendjährige Gemeinheit zerrt!" Und doch war Raheis Ehe mit Varnhagen keine Heimkehr ihres Geistes und ihrer Seele, wie es die letzte Ehe Carolinens war; aber ihr verwundetes Herz fand bei ihm Ruhe und Trost, ihr Geist anbetende Ergebenheit, ihr schwacher Körper zarteste. Schonung und sie selbst Erfüllung aller ihrer Sehnsucht nach Schutz, Sorglosigkeit und Geborgensein. Denn auch äußerlich hatte Varnhagen, der sich aus bescheidensten Verhältnissen durch Begabung und Fleiß zu einer hohen diplomatischen Stellung emporgearbeitet hatte, ihr nun ein glänzendes Los zu bieten. Immer wieder ermahnt er sie, nicht zu sparen, sich alles nur Erdenkliche zu gönnen. Und sie, die Zarte, Schutzbedürftige, die Übersensible, für jede Schönheit, jeden Reiz des Lebens so unendlich Empfängliche, hat dies immer wieder mit tiefer Dankbarkeit empfunden. — Und so versöhnt war sie zuletzt mit dem Schicksal, so sehr waren alle Dämonen ihres Lebens zur Ruhe gegangen, daß sie auch ihre jüdische Abstammung zuletzt als Beglückung, als eine Bereicherung ihres Lebens empfand. Auch Rahel wie Dorothea ließ sich um ihrer Ehe willen taufen; aber während Dorothea dadurch eine neue Lebensbasis gewann, blieb Raheis Leben davon wie von einer nur äußeren Veränderung völlig unberührt Sie allein von allen Romantikern hat so die Weltlosigkeit des frühromantischen Gedankens auf seine Spitze geführt und nie den Weg in eine Welt zurückgefunden. Sie allein mußte bis zuletzt einzig sich selbst gewachsen bleiben. Denn auch ihr Leben mit Varnhagen war doch im letzten Grunde nur eine Steigerung ihrer inneren Einsamkeit Wie eine Göttin hob er sie empor auf ein Piedestal, hoch in ihr eigenes Leben hinein, das er wohl zu begreifen und zu verehren — aber letzthin doch nicht zu teilen vermochte. - Ein Jahr nach Goethe — im März i833 — ist Rahel gestorben. Das ergriffene Lob der Besten ihrer Zeitgenossen: eines Goethe, eines Jean Paul, 135