Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 137 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahel war: ihr Ernst allem Wirklichen und ihrem eigenen Ich gegenüber war zu groß, als daß sie es doch letzthin als eine Selbstaufhebung der Idee hätte begreifen und so in einem wehmütigen Spiel sich hätte auflösen lassen können. An dem anderen Weg über ihr nur-persönliches Dasein hinaus: dem in eine große allgemeine Religionsgestalt aber hinderte sie ihr trotz aller Romantik streng rationalistischer Verstand, der jede bestimmte Gestalt einer Religion nur als eine Verengung des vollen religiösen Lebens, nicht als ein Tor zu ihm erfassen konnte. Es hätte nur. einen Weg gegeben, auf dem Rahel sich unbedingt zu überschreiten vermocht hätte: eine große erfüllende lösende Liebe. Aber gerade dieser Weg wurde ihr von einem Schicksal verschlossen, das ihr an Stelle der Liebe immer wieder die ungeheure Anstrengung der Leidenschaft auferlegte. Immer wieder wurde ihr Herz in sich zurückgeworfen, und keine Macht hat sie sich selbst zu ihrer wahren Blüte und Frucht entrissen. So trieben, wie sie selbst es früh erkannte, all ihre Kräfte nach innen, in ihr eigenes Selbst zurück und überfüllten es in seinem Kreislauf. Wurzel wurde zu Wipfel. Rahel hat nicht nach den schlichten ewigen Lebensgesetzen die breite schattende Krone eines großen Werkes oder eines ganz erfüllten Lebens aus ihrer herrlichen starken Wurzel entfalten dürfen, sondern nur ihr unterstes persönlichstes Sein unverwandelt der Luft, dem Himmel, dem Blick des Menschen dargeboten. So erschreckt sie uns: das Allzupersönliche, das Übermaß des Persönlichen stößt uns in seiner Größe selbst zurück. Raheis große Gestalt ist mit der durch Natur und Geist und Schicksal zugleich in ihr angelegten einsamen Tragik gerade für unser heutiges Gefühl das, was man in der bildenden Kunst „übermodelliert" nennt Eine Übergestaltete hat sie Brentano genannt Wenn man sich das Leben ihrer Zeit vorstellt als ein großes historisches Relief, aus dem sich die durch den gemeinsamen Hintergrund verbundenen menschlichen Gestalten nur zur Hälfte herausheben, so fiele Raheis Gestalt aus diesem Relief wie eine Rundplastik heraus. Dadurch daß sie sich nirgends selbst begrenzt, sich in keinen Weg zu einem gemeinsamen Ziel, in keine gemeinsame Lebensform eingefügt hat, daß sie mit keiner Arbeit, keinem Beruf, keinem Werk, mit keinem Tun oder Bekennen sich in den gemeinsamen Lebenshintergrund eingeordnet hat, daß weder ihr Leben noch ihr Geist den Ausweg gefunden hat in eine Form, blieb für sie alle Wirklichkeit ausschließlich um ihre eigene Person konzentriert Es erscheint fast wie symbolisch für Raheis Schicksal, daß ihr die Einordnung 137