Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 133 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahel Bittere und Trübe, die grenzenlose leidvolle Verwirrung abgetrunken war, Klarheit und begütigender Frieden. Das Ende ihres Lebens ist sanft und versöhnend. Ihr letztes Liebesschicksal schließt mit leiser Hand ihre immer wieder aufgerissene Lebenswunde. Und zugleich gab es ihr äußerlich und innerlich die Möglichkeit, ganz in dem zu leben, was ihr allein am Herzen lag. Als wiederum nach Jahren, 1808, der vierundzwanzigjährige Varnhagen von Ense die achtunddreißigjährige Rahel kennen lernt, da fühlt er sofort sein ganzes Wesen von ihr erschüttert Unerschöpflich strömen vom ersten Augenblick bis zum letzten Worte glühendster anbetendster Bewunderung über das Außerordentliche, das ihm in ihr erschlossen wurde, aus ihm hervor. Die Beziehung zwischen Rahel und Varnhagen knüpfte sich schnell; sie ruhte ganz auf seiner reinen unbedingten Verehrung. Varnhagen selbst war — trotz aller geistigen Gaben — keine ursprünglich hohe Natur — er fühlte sich Rahel in jeder Hinsicht, vor allem aber in dieser grundlegenden — tief unterlegen. Aber er vermochte, das Hohe, wo es ihm begegnete, zu erkennen und zu verehren — und was mehr ist: aus dieser verehrenden Erkenntnis heraus mit allen Kräften seines Wesens sich ihm entgegenzubilden. „Du bist der bildungsfähigste, wenn ich nicht sagen soll, der gebildetste Mensch", schreibt Rahel, die ihn im Anfang oft hart getadelt hat, ihm später einmal; und sie bezeichnet diese seine Bildung im Gegensatz zu . der natürlich strömenden eines Novalis und ihrer selbst als „einen edlen Aktus des ganzen moralischen Daseins." Aus diesem edlen moralischen Aktus, aus dieser unendlichen Bildungsfähigkeit heraus hat Varnhagen auch die seltene Kraft besessen, die Überlegenheit Raheis zeitlebens zu ertragen. Es geschah in der Gesinnung, die Varnhagen nicht müde wird, mit Worten wie diese auszudrücken: „Ich weiß keine Erscheinung, keinen Dichter, keinen Helden, der mir größer wäre, als ich dich sehe; und du, diese Rahel, als in Bezug auf mich betrachtet, löscht alles andere, was sich aus diesem Gewühl auf mich bezieht, völlig aus. Ich beteure es vor Gott, daß die größte Gunst, die mir zuteil geworden ist, die ist, dich erkannt, dich empfunden zu haben." Wie hätte diese grenzenlose Verehrung und Liebe Raheis Herz nicht auftauen sollen? Hier zum erstenmal fühlte sie, die Vielbewunderte, aber kaum je in vollem Umfang Verstandene — und nie zugleich Bewunderte und Geliebte — sich zugleich verstanden, bewundert und geliebt Und diese Liebe entspannte langsam all die schmerzenden Widersprüche und Zerrungen ihres Lebens. Nun 133