Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 132 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Kraft zur Freude: zu jener kühlen Seligkeit des amor dei wie zu der überschwänglichen brennenden Freude der Psalmen und des Hohen Liedes, jenem Grundgefühl, das die chassidische Mystik das Brennen schlechthin nennt und das hier schon erlebt zu haben, sie als die Bedingung zur Erlangung der ewigen Seligkeit ausspricht Es ist die reine himmlische Freude an der Göttlichkeit des Lebens selbst, deren Überschwang im Geiste, sobald er dem Leben rein zugewandt ist, heraufsteigt Auch Spinoza war die Freude nur das Zeichen für das Beisichsein des Geistes, sein natürlicher Zustand. Und auch für Rahel war die Festlichkeit des inneren Überflusses, des über den engen Kreis des Persönlichen unmittelbar hinauslebenden Menschen, diese strahlende Beglückung im Geiste eins mit der Gewißheit, an der Wahrheit, am Weltgrund selbst Teil zu haben — wie sie in der Entfaltung des eigenen Wesensgesetzes gewiß war, das Gesetz der Welt selbst mitzuentfalten. Und hier, in diesem großartigen Gesetzes- und Wahrheitsoptimismus liegt aller Disharmonie ihres Wesens zum Trotz dennoch sein tieferes unerschütterliches Gleichgewicht, das sie, ihr selbst unbewußt, aus der leichteren schwebenden romantischen Welt in die feste schwere Welt ihres Ursprungs hineinstellt Aber Rahel war doch zugleich zu tief mit der romantischen Welt verwachsen, als daß die jüdische in ihrem Leben mehr als das unterste Fundament hätte sein können, das eine Welt vollkommen anderer Inhalte trug. Alles, was sich darauf erbaute, gehörte der Welt an, in der sie lebte. Dies zeigt vor allem ihr Gottesbegriff. Raheis Gott ist gleichsam der romantisierte, aller Schwere und Wucht seiner Wirklichkeit beraubte jüdische Gott Ihre Weltanschauung wie ihr Leben seihst läßt sie am Ende so schlicht zu Gott finden wie ein müdes Kind am Abend nach Hause. Nicht zu dem übermächtigen Gott der großen Religionen, der von sich aus die Seele ergreift, der zerschmettert und erlöst, aber auch nicht zu der personlosen Wahrheit und Substanz Spinozas, noch zu der Unendlichkeit, zu der sie in der Romantik zerrinnt, sondern zu einem sehr persönlichen, sanften, erbarmenden Gott reiner Klarheit, Güte und Versöhnung, der nicht fordert und nicht fragt, sondern der ihr erlaubt, auf einer Ecke seines Mantels zu ruhen. Es ist ein später Ausspruch Raheis. Ihr Schicksal selbst mag sie solcher beruhigten Empfindung, solcher stillen Teilhabe an einem Gott der Güte und des Friedens zugeführt haben. Denn auch in ihrem Leben war, nachdem das 132