Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 131 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahel und Wissen, wie dem Spinozas die ursprünglich erlebte Göttlichkeit der Welt Auch ihr wie Spinoza ist es gewiß, daß der Grund der Welt reine Wahrheit ist, daß all die unendliche Wirrnis und Verwirrtheit der menschlichen Schicksale und Gedanken auf nichts anderem ruht als auf der Blindheit und Unwissenheit der Menschen. Und auch sie erkennt darum, daß all das Bittere, Verwirrte, Falsche, das wir selbst auf das Leben gehäuft haben, mit der Klarheit der Erkenntnis zu durchdringen unsere menschliche Bestimmung ist Aber es ist ein anderes Erkennen. Während Spinozas Überzeugung und Lehre die ist, daß der ureprünglichen Göttlichkeit und Wahrheit der Welt der Geist nur durch immer reineres Denken sich annähern könne, sucht Rahel, obwohl auch sie ihrer Geistesart nach leidenschaftlich rationalistisch ist, als Schülerin Goethes, als Romantikerin den Weg zur Klarheit und Wahrheit und Göttlichkeit des Seins mit ihrem ganzen Leben. Zerstreuung des Verwirrten und Trüben, das Erfahrung um uns häuft, geschieht ihr nicht allein durch die Kraft des Denkens, sondern durch lebendige Überwindung. Während Spinozas Geist sich von der Fülle des Lebens abwandte, wirft Rahel sich einem mutigen Schwimmer gleich mit der ganzen Kraft ihres Lebens hinein. „Man ergibt sich der Liebe — guter oder schlechter — wie einem Meere, und nun bringt Glück, Kräfte oder Schwimmkunst dich über; oder es verschlingt dich als sein. Drum sagt Goethe: wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?" Auch sie ergibt sich nicht blind- Sie erkennt die Gefahr. Aber sie weist das Schwerste nicht ab. Sie trinkt das Leben in seiner ganzen unsäglichen Bitterkeit hinunter — trinkt es ab vom reinen Kelch der Wahrheit Und nun geschieht es: nun kommt das Wunderbare: „Unverhofft wird's veilchenartig, aromisch, süß genug; und hell um uns her und ruhig... nach dem herben, mutverlangenden Abtrinken ist reiner Grund und Wahrheit da." So wird ihr das Leid zur letzten Prüfung menschlicher Kraft Es ist ihre tiefste Überzeugung, daß jeder, um bis an die äußersten Grenzen seiner Kraft geführt zu werden, in dem gekränkt werden müsse, was ihm das Empfindlichste, Unleidlichste sei „Wie er da herauskomme, ist das Wesentliche." Diese Weltanschauung Raheis, der die Verwirrung durch Liebe und Leid zugleich der gewaltigste Stachel zur Klärung des Lebens ist, ist im Letzten getragen nicht mehr von romantischer, auch nicht von Goethescher Gesinnung — •sondern von einer eigentümlichen jüdischen Grundkraft, deren kein großer jüdischer Mensch je ermangelt hat: der über dem Abgrund selbst aufblühenden 131