Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 130 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Tiefe durchgelebt, ganz zu Ende gelebt hat Auch Rahel war das Leiden, freilich in einem ganz anderen Sinne als Caroline, etwas Nichtseinsollendes: ihr war es nicht Zerstörung der Form, sondern Verwirrung und Verschüttung einer ursprünglich klaren und gesetzhaften Lebensordnung, die mit der Wahrheitskraft des ganzen Wesens zu durchdringen darum für sie die mit dem Schmerz selbst unmittelbar gegebene Aufgabe war. Ihre ganze Natur drängt mit ursprünglicher Gewalt der durch das Dunkel der Verzweiflung verwischten und verlorenen Wahrheit und Klarheit zu, in der sie allein atmen kann. Ihr Geist arbeitet mit fieberhafter Kraft seiner eigenen Verletzung, dem zerstörenden Andrang des Lebens entgegen; sie selbst spricht einmal von dem seelischen Leid als einer Wunde, die jedes Lebensprinzip fieberhaft entzündet Niemals arbeitet ihr Geist kräftiger und hellsichtiger als im dunkelsten Leid. Es gibt nichts Erschütternderes, als inmitten des wehesten und klagendsten aller Briefe Raheis, wo ihr ganzes Leben zertrümmert zu ihren Füßen liegt, wo sie eine ganze Tränenflut über ihrem Herzen fühlt, das Wort aufgehen zu sehen: „Sie können sich das ewige Erblühen meines Lebens gar nicht denken." Entgegen also dem eigentlich menschenunwürdigen Weg zur Verwindung des Leidens: dem Fortschieben und Vergessen, geht der Raheis: was sie frei macht, ist die alle Geisteskräfte aufrufende und dadurch ins Universale aufsteigende Erinnerung. Erinnerung als die Kraft der lebendigen Einverleibung, aber auch als die der Einbettung des Einzelnen in einen großen Gesamtzusammenhang des Lebens. Indem sie von sich sagt: „Darum bin ich nur so erschrocken, wenn mir etwas widerfährt, weil es auf ewig ist" — muß sie sich zugleich den Stachel wach und wissend immer tiefer ins Herz drücken, muß alle Zusammenhänge ihres Leidens sich klar und klarer machen, muß es in immer höhere und weitere Wesenszusammenhänge aufsteigen sehen and, unmittelbar im brennenden Leid über sich selbst hinausgeführt, erkennen: „und alles erinnert mich an alles." So spricht sie vom Leben der Menschen, der Staaten in einem Atem mit ihrem wilden unergründlichen Schmerz; es ist alles dasselbe, alles aneinander angeschlossen; nichts erscheint ihr mehr einzeln, losgelöst vom andern; durch ihr Erinnern selbst dringt sie hinab in den Wahrheitszusammenhang der Dinge. So enthüllt sich uns an ihrer Art und Erfassung des Leidens Raheis Verr hältnis zur Wahrheit: ihre Weltanschauung selbst Man könnte sie einen verlebendigten Spinozismus nennen, denn zugrunde Hegt ihreui ganzen Erkennen 130