Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 129

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Rahel
Date
1928-06-01
Page
129 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898799--02716-2898866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rahel Madame d'Houdetot, die er selbst als unvergleichlich mit allen anderen bezeichnet, ein ähnliches Feuer gebrannt haben möge. Die Zeit der Verlobung mit Urquijo war die namenloseste Qual in Raheis Leben. Er, einfach und gerade, mit der primitiven Auffassung des Südländers von Liebe und Leidenschaft, war völlig unfähig, ein Geschöpf von den Ausmaßen und der Art Raheis zu begreifen, geschweige denn ihre Liebe, die sich wie ein unheimlicher Koloß vor ihm aufrichtete. Üm so weniger, als er keineswegs hoch von sich dachte, sondern im Gegenteil gequält war von dem, was man heute Minderwertigkeitsgefühle nennen würde. So mußte es ihm vollkommen unverständlich sein, daß dies bewunderte, gefeierte Mädchen mit den vielen bedeutenden Freunden ihr Herz mit solcher Gewalt an seine unbedeutende Person hängen konnte. Er begann Rahel und ihre Liebe zu fürchten; er strebte, sie zu kränken und zu demütigen; er ahnte, daß nicht er selbst es sein konnte, den sie liebte; er blickte um sich, hinter sich, er suchte seinen verborgenen, schattenhaften Rivalen: er quälte sie mit einer fast brutalen, sinnlosen und demütigenden Eifersucht Viele Jahre später hat Rahel von Urquijo gesagt, er sei ihr gegenüber so unschuldig gewesen wie das Beil, das einem großen Mann den Kopf abhaut Als sie sich nach schwersten Kämpfen und Demütigungen blutenden Herzens von ihm losriß, wußte sie, daß sie sich der Verzweiflung übergab. Daran, wie sie diese Verzweiflung auf sich genommen und überwunden hat, zeigt sich wieder klar ihr tiefer Wesensunterschied zu Caroline. Caroline ließ sich nie in die Tiefe eines Schmerzes völlig hineinsinken; sie weigerte sich, bis auf den Grund zu leiden, sich vom Schmerz zerstören zu lassen; sie strebte immer, sich zu bewahren, weil ihre Lebensform die Form selbst war. — Ganz anders Rahel. Sie war im Grunde ihres Lebens nicht weniger sicher als Caroline — aber ihre Sicherheit war nicht die des noch in der äußersten Leidenschaft festen und kühlen Herzens, sondern die der edelsten Leidenschaft selbst Rahel bewahrte sich nicht Sie gab sich ihrer Liebe, ihrem Schmerz mit einer Größe des Vertrauens ohnegleichen hin. Ihre Liebe war souverän, schenkend, königlich; sie war reich und überschwänglich wie ein wild blühender Baum, der seine Düfte fraglos dem Wind überläßt Rahel besaß in seltenstem Maße die Kraft der Hingabe und des Vertrauens an die Mächte des Lebens. So kannte sie kein Beiseiteschieben des Schmerzes, nur seine lebendige Uberwindung. Überwinden kann man aber nur das, was man bis in die letzte 129

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.