Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 128 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Sonne angestrahlt. Sie verlobten sich. Aber sehr bald schon wird die Hohlheit, die Nichtigkeit seines Wesens gegenüber dem Raheis deutlich. Das Höchste wird ihm auf die Dauer unbequem und drückend. Das Drangen der gräflichen Familie, keine Bürgerliche, keine Jüdin zu heiraten, fällt auf fruchtbaren Boden. Sowie Rahel es merkt, zieht sie sich zurück. Sie löst die Verlobung. Aber noch lange geht die Beziehung hin und her. Unendlich schwer hat Rahel sich losgerissen. Noch nach elf Jahren, als Finkenstein sie, die längst durch andere Leidenschaften gegangen war, in anderen Beziehungen stand, besucht und unbefangen den Wunsch äußert, sie möge seine Frau kennen lernen, schreibt Rahel: „Dein Mörder! dacht ich... Tränen kamen mir in den Hals und in den Augen, daß ich ihn ganz ruhig, ganz beruhigt über mich sitzen sah. Wie eine ihm zugestandene Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen." Aber einige Jahre nach dem Bruch mit Finkenstein, 1802, trat erst der Mann in ihr Leben, dem ihre gewaltigste und erbarmungsloseste Leidenschaft gehörte, Don Raphael d'Urquijo. Er war Legationssekretär bei der spanischen Gesandtschaft, ein geistig einfacher, aber moralisch ernsthafter und korrekter Mensch von südlicher männlicher Schönheit In seinem Gesicht lag für Rahel ein Zauber von solcher Gewalt, daß Himmel und Erde davor verblaßten. Sie selbst hat später dies vollkommene Verfallensein bezeichnet als ihre größte „turpitude". „Dieser Fleck war faul", schrieb sie. „Obgleich es die reinste Flamme war, die mein Herz verbrannte, von ihm selbst entzündet Ich log. Die schönste Lüge, die einer wahren großen Leidenschaft Ich log, um mix das Leben zu fristen. Ich log; ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus, um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich ließ mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit; ich wollte, Unglückselige! das Leben des Herzens schützen. Ich stellte mich vor; ich stellte mich hinter; ich bog und bog und» bog." Sie verbog ihr ganzes Wesen, um dem Geliebten zu gefallen, ihm nur faßlich zu sein. Sie suchte, einfach zu scheinen, ruhig, gleichmäßig. Sie rang wie wahnsinnig mit ihm um seine Liebe. Varnhagen hat später von ihren Briefen an Urquijo und von ihrem Tagebuch aus jener Zeit (die beide vernichtet sind) gesagt, daß, was von Goethe und Rousseau in dieser Art bekannt sei, nur selten an die gewaltige LebensfüU'e dieser Blätter heranreiche, und daß vielleicht einzig in Rousseaus Briefen an 128