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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Rahel
Date
1928-06-01
Page
127 (sequence 10)
Language
German
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Rahel der letzten geheimsten Kraft ihres Seins die andere Seite des Lebens hätte suchen müssen: das, was sie am meisten liebte und was ihr am meisten versagt war — als ob in der Schönheit eines Gesichtes ihr das ewige Bild der Schönheit selbst erschienen wäre: jener ihr fernsten Göttin, nach der ihre Sehnsucht zeitlebens vergeblich ging. Ihre Liebe hat etwas von der sehnsüchtigen Beschwörung Helenas durch Faust; sie ist gleichsam der umgekehrte Pygmalionmythos, die eigentlich männliche schöpferische Form der Liebe: aus dem schönen Äußeren, das ihr das Schicksal entgegentrug, schlug sie mit bildender Kraft die innere Gestalt eines Menschen hervor, der nie gelebt hatte und nur durch ihre brennende Sehnsucht lebte. Vor ihm sank sie anbetend nieder. Ihn, diesen seibstgeschaffenen inneren Menschen, strebte ihre Seele durch ihren Schöpferkuß zum Leben zu erwecken. Und doch liebte Rahel nicht blind. Wenn sie einmal sagt, der antike Mythos habe darin geirrt, daß er den Gott der Liebe blind dargestellt habe, er sei vielmehr besonders klarsichtig, so hat sie von ihrer eigenen Liebe gesprochen. Denn ihr wurde nie die wohltätige Binde um die Augen gelegt, die die Liebe einer so gewaltigen Natur allein zu einer glücklichen hätte machen können. Mit hellwachen Augen mußte sie ihrer eigenen Liebe, ihrem eigenen Schicksal zusehen — und doch war in ihrem hingebenden Herzen die tiefste Sehnsucht nach selbstvergessener Demut und Unterordnung angelegt, und niemand hat sich aufatmender, seliger, erlöster gebeugt als Rahel. In einer persönlichen Liebe ist ihr dies nie vergönnt gewesen. Denn schon in ihrem hingegebenen Liebes- und Schöpfertraum erblickte ihr ewig wacher Geist die Wahrheit Sie sah sich selbst wie durch den Nebel ihres Traumes in ihrer wahren Lebensgröße vor der geliebten selbstgeschaffenen Seele knieen; sie sah unter sich klein und zusammenschrumpfend die Gestalt des wirklichen Geliebten. So wurde ihre Liebe Verzweiflung. Aber sie ergab sich nicht, sie gab nicht nach, sie rang, „die ihr übrige Liebe anzubringen!" Zu mächtig war die Schönheit des erblickten Bildes, zu groß der Zauber, der aus den geliebten Zügen auf sie eindrang — auch wenn ihn jede Äußerung des Anderen Lügen strafte. Im Winter des Jahres 1795, 24 Jahre alt, lernte Rahel den Grafen Karl von Finkenstein kennen, einen jungen Mann von blondem aristokraschem Äußeren, dessen Schönheit ihr Herz vom ersten Augenblick an verfiel. Auch er verliebte sich in Rahel; er fühlte, daß sie das Beste in ihm frei machte und ans Licht hob; er fühlte sich von ihrem Geist wie von einer 127

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