Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 126 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman darüber, daß „von Natur ich zum Unglück nicht gemacht bin. Die war üppig stolz, übermütig vor Freude, als die Erde mich empfing; aber weiter ging es schlecht; daher der Bruch". — Was aber diesen Bruch vielleicht am schmerzlichsten vertiefte, war die dritte Fessel, die Bahel ihrem Leben ursprünglich angelegt fühlte. Ihr fehlte das Lebensgut, das die eigentliche Machtquelle und der wahre Zauberstab der Frau ist und dies vor allem in Raheis Händen gewesen wäre: Schönheit Jene beglückendste Schönheit vor allem, die Wohlgefallen an sich selbst ist Raheis zierliche Gestalt und lebensprühendes Gesicht waren gewiß nicht ohne einen großen geistigen Reiz, nicht weniger als die Carolinens, die Bettinas — aber während Caroline und Bettina ihr eigenes Äußere entzückt ergriffen und seinen Reiz nutzten, erschien Rahe! das ihre nicht nur unangemessen und völlig unfähig, ihren inneren Gehalt auszudrücken — sondern es war ihr geradezu zuwider. „Ich bin eine Falschgeborene und sollte eine Hochgeborene, eine schöne Hülle für meinen wohl ergiebigen inneren Grund sein" — dieser schmerzvolle Ausruf drückt die stets empfundene Dissonanz ihres ganzen Lebens aus. Sie fühlte, wie sehr ihr dadurch die Freiheit, die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit des Handelns fehlte, die sie an ihrer Freundin Pauline Wiesel, der schönen blonden Geliebten des Prinzen Louis Ferdinand, so leidenschaftlich bewunderte, daß sie ihr einmal in einer verzweifelten Stunde schrieb: „Es gibt nur Eine Tugend: Mut — aber unser Charakter liegt in unserer Gestalt; ich sehe nicht aus wie Sie, kann Ihren Mut nicht haben und Ihr Schicksal nicht" So kam Rahel in dem Gefühl der Unangemessenheit ihres Äußeren auch die innere Schönheit: jene beglückende Harmonie des Lebens mit sich selbst abhanden, die Carolinens wie Bettinas bezwingender Zauber war. Und Raheis leidenschaftliche Beziehung zur Schönheit, ihr Wissen um sie, ihr Verlangen nach ihr vertiefte nur die Kluft zwischen Sehnsucht und Besitz. In dieser Kluft lag zweifellos der letzte Grund ihrer scheuen Zurückhaltung gegenüber Goethe, dessen Schätzung ihres Wesens sie kannte und der sie selbst mehr als einmal aufsuchte. Noch tiefer aber offenbart sich dies Verhängnis ihres Lebens darin, daß es sie nicht in der Reihe ihrer geistigen Freunde die Männer finden ließ, zu denen ihre größten Leidenschaften sie zogen. Man sucht das rätselhafte Geschick zu deuten, zu ergründen, das diese einzige Frau Männern, die weit unter ihr standen, gleichsam wahllos überantwortete: Männern voll äußeren Zaubers, edler Formen, schönen Gesichts — und es ist, als ob sie in ihnen gerade mit 126