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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Rahel
Date
1928-06-01
Page
125 (sequence 8)
Language
German
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Rahel sammenhang von Wahrheiten: ein System. Aber weil dieses System, dieser Wahrheitszusammenhang kein nur gedachter, sondern ein zuckend lebendiger war, waren all seine einzelnen Wahrheiten zugleich erlebte, erlittene Wahrheiten. Und durch die tiefe Kraft des Erleidens ihrer Wahrheiten war Rahel nicht nur die große Kritikerin, sondern auch die große Trösterin, die in jedes Leid den allein lindernden Tropfen seiner eigenen Wahrheit zu gießen wußte-. In dieser Verbindung von Leidens- und Wahrheitskraft war Rahel wie zur Freundin ausersehen: Freundin der Männer wie der Frauen. Viele große Freundesnamen verknüpfen sich mit dem Namen Raheis. Ihre hohe geistige Bedeutung, der tiefe Zauber ihrer Menschlichkeit worden früh erkannt Man bewunderte, verehrte sie weithin. Und Rahel bedurfte dieser Anerkennung. Sie war der Strom, der ihr stets bedrohtes, stets gefährdetes Lebensschiff trug. So fest und sicher sie ursprünglich in sich selbst ruhte — sie hätte ganz und leidvoll in sich selbst versinken müssen, wäre sie nicht durch die Bewunderung und Verehrung der Menschen immer neu sich selbst entrissen worden. Diese Bewunderung war das Gegengewicht gegen die frühe Verletzung, die alle ihre Kräfte nach innen trieb, und zugleich eine immer erneute Losung der beiden anderen Schicksalsfesseln, gegen deren Druck sie sich leidenschaftlich aufbäumte. Als die eine dieser ursprünglichen Fesselungen ihres Lebens empfand Rahel es innerhalb des Kreises, in dem sie lebte, Jüdin zu sein. Ihr bedeutete auf lange Zeit hinaus das Judentum nichts als dies. Einmal hatte sie schon imi Elternhause keine lebendige Religion mehr vor sich gesehen; zum zweiten war sie ganz mit jenem Lebens- und Kulturkreis verwachsen, in dem die Wahrheiten und Wirklichkeiten der Religion zu Symbolen entwirklicht waren, in dem so die Kultur weithin zum Ersatz der Religion geworden war. Und schließlich kam zu dieser ästhetischen Auflösung aller religiösen Wirklichkeit als drittes noch die ursprüngliche rationalistische Anlage von Raheis Natur hinzu, die ihr jede Festlegung auf ein bestimmtes Religionsbekenntnis unmöglich machte und an Stelle einer Religionsgestalt eine allgemeine religiöse Stimmung treten ließ. So blieb ihr vom Judentum nur das sozialeAusgeschlossensein, und das Gefühl dieses Ausgeschlossenseins hat, so wenig Nahrung es eigentlich in ihrem Leben finden konnte, bei der geringsten Vernachlässigung, die ihr widerfuhr, ja auch ohne sie, in ihrem von Bewunderung und Verehrung getragenen Leben eine schmerzhafte Druckstelle erzeugt, die erst am Ende ihres Lebens ausheilte. Diese tiefe Empfindlichkeit Raheis wäre nicht zu verstehen ohne den grenzenlosen leidenschaftlichen Glücksanspruch ihrer Natur. Sie war sich klar 9* 125

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