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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Rahel
Date
1928-06-01
Page
124 (sequence 7)
Language
German
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Margarete Susman zum Gott werden. Und dies lag ebensosehr in Goethe wie in Rahel begründet Das tiefste Verständnis seiner Eigenart selbst mußte sie zugleich aus seinem Bann entlassen, weil es sie durch sein Vorbild an die Verwirklichung des eigenen Lebensgesetzes wies. So wußte Rahel, daß um Goethe wirklich begreifend zu verehren, man in sich ein selbständiges Ganzes sein müsse, daß nur, indem man sein eigenes Wesen unerschöpflich bildete und vollendete, man das seine wahrhaft begreifen könne. Und wie klar Rahel, die unablässig sich zu sich selbst Bildende, ihn gerade in seiner spezifischen Eigenart begriffen hat, das hat Goethe selbst erkannt und in freudig bewundernden Worten ausgesprochen. „Es ist mir doppelt heb; denn es ist bei ihr keine allgemeine Idee; sie hat sich jedes Einzelne deutlich gemacht", sagt er. Aber Rahel hat nicht nur Goethe, dies ihren Weg leitende Gestirn, ohne an seinem Glanz zu erblinden, ohne Verblendung und Schwärmerei begriffen: sie hatte überhaupt allen geistigen Erscheinungen gegenüber eine Fähigkeit ganz persönlicher Durchleuchtung, die sie zu einer der größten kritischen Begabungen macht, die je gelebt haben. Wie ein federleichter, scharf geschliffener Pfeil drang ihr aus sich selbst beschwingter Geist mühelos in den Mittelpunkt jedes Dinges ein. Sie übte Kritik ganz im Sinne der Romantik: mehr in schöpferischer als in zerstörender Weise: eben indem sie in dem Mittelpunkt jedes Werkes seinen innersten Keim, seine eigenste Voraussetzung aufdeckte, aus der allein es wahrhaft in seinem Gelingen wie in seinem Versagen zu begreifen war. Aber sie bewirkte diese kritische Durchdringung der ganzen gewaltigen Menge des Wissensstoffes, den sie aufnahm, nicht wie die übrigen Romantiker von einer gemeinsamen Idee aus, sondern unmittelbar aus der den Erkenntnis- und Erlebniszusammenhang durchwirkenden Einheit ihrer Person, hierin ganz Frau und zugleich ganz System Ganz Frau — denn das Leben und Wissen Raheis nicht weniger als das Carolinens strömte ja einzig aus dem innersten Mittelpunkt ihres persönlichen Daseins hervor; auch Rahel handelte und erkannte einzig aus sich selbst Aber anders als Caroline, die nie einen anderen Maßstab als ihr eigenes Innere anerkannte, handelte und begriff Rahel dennoch jederzeit aus übergreifenden Zusammenhängen und Gesetzen — nur daß sie sie ganz persönlich eingesehen haben mußte, daß niemand, wie sie selbst es einmal ausdrückt, ihr Herz und ihren Geist anders als durch Gründe regieren konnte. Gründe — das waren für sie persönliche Einsichten, persönlich eingesehene Wahrheiten. Und darum war sie zugleich — Avas Caroline nicht war — ein in sich geschlossener Zu- 124

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