Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 123 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahel Gestaltung, sondern durch die ihm innewohnende Kraft. Raheis Stil ist nicht schön — von aller Schönheit weit entfernt; er ist lapidar, eruptiv, wild, unbedenklich — seltsam durchsetzt mit französischen Worten, die sie wohl auch deutsch abwandelt, wenn sie ihr gerade zum Ausdruck geeignet scheinen — also ganz ohne Anspruch an Form und Vollendung. Und doch liegt in diesem Verzicht Raheis eine eigentümliche Tragik. Denn Rahel wußte um Form und Vollendung wie wenige Menschen. Aber ihr Verhältnis zu ihnen war ein im tiefsten Sinne platonisches. Die Idee der Schönheit war ihr mit der anamnetischen Gewalt eines ursprünglichen Teilhabens gegeben — aber dies Teilhaben war nicht in ihrem Sein, sondern in ihrem Wissen. Ihr selbst, ihrem Sein fehlte die Schönheit, die Harmonie, die Vollendung; aber wo immer, in wie verschlossener, neuer noch fremder Form Schönheit, Vollendung ihr begegnete, da zuckte ihr Geist wie eine Wünschelrute darauf hin. Es war dies zentrale Wissen ihres Geistes, das ihr vor allem die Erscheinimg Goethes mit ursprünglicher Gewalt erschloß. Vor allen anderen Menschen ihrer Zeit hat sie Goethe für sich entdeckt und ihn nicht mit der überschwänglich umschlagenden Untreue der übrigen Romantiker, sondern bis an das Ende ihres Lebens mit der tiefen Festigkeit ihres Seins unwandelbar verehrt und geliebt. Man kann die Verehrung Raheis für Goethe am ehesten mit den Worten ausdrücken, mit denen Nietzsche den Begriff der Offenbarung definiert hat: als ein Sich-gebunden-fühlen in einem Sturm von Freiheitsgefühlen. Genau dies ist Rahel durch Goethe geschehen. Indem sie sich durch ihn gebunden fand, wurde sie frei zu ihrem Eigensten. Denn von ihm empfing sie die Bezeugung dessen, was ihr vor allem anderen am Herzen lag: die Bezeugung großen, sich zu sich selbst vollendenden Menschentums. Und es war der große Mensch ihrer Zeit mit allen Problemen ihrer Welt, ihres Lebens, durch den ihr dies wurde. Das Größte, was uns geschehen kann: das Leben der eigenen Zeit vor unserem Blick die Gestalt der Ewigkeit annehmen zu sehen, an unserem Ohr die Sprache der Ewigkeit reden zu hören, ist Raheis sehender und hörender Seele durch Goethe zuteil geworden. Sie hat ganz unter Goethe gelebt. Aber das Leben unter Goethe bedeutete für sie einen mächtigen Aufruf, ihren eigenen Weg zu gehen. „Der Stern im Leben ist er, aber ohne ihn muß man alles sein", so hat sie die Beziehung ausgesprochen. So leitend und wegweisend, •so erhaben und göttlich ihr seine Gestalt erschien — er konnte ihr niemals 9 123