Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 122 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Suaman burt einer neuen Welt vollzog. Wir heutigen von der Wirklichkeit überall bedrängten und überrannten Menschen vermögen uns schwer das ganze Gewicht des Geistes und des nur Geistigen im Leben jener Menschen vorzustellen, das nicht durch reale Geschehnisse, sondern durch geistige Schöpfungen, durch große Gedanken, Systeme und Kunstwerke bestimmt war, so daß in ihm die eigentliche Lebenswirklichkeit in einer seltsamen und spezifischen Weise überflogen war. In diesem Berliner Kreis, in dem all die unendlich aufgetanen jüdischen jungen Frauen ihre Befreiung erlebten, um deren Geist und Schönheit sich bald eine Fülle erlesenster Männer sammelte, hat auch die große brennende Blüte von Raheis Geist sich entfaltet, deren Duft gleichsam die Quintessenz alles damaligen Geisteslebens war. Der Salon der Romantikerzeit, in dem die geistige Geselligkeit sich ihre eigene Sphäre geschaffen hatte, war Raheis Lebensluft und gesamte Wirklichkeit. Bei ihr fast mehr noch als bei Caroline, deren Schicksal sich in einem weiteren Kreise abspielte, war sie der Ersatz für alles Gemeinschaftsleben. Der persönliche Austausch von Mensch zu Mensch war die Form ihrer Geistigkeit selbst Das Gespräch, das seinem Wesen nach erst die Krone oder die späte Blüte einer voll gelebten Wirklichkeit ist, nahm — ohne Vermittlung der Wurzeln gleichsam — alle Kräfte ihres Lebens unmittelbar auf. Auch ihre Briefe sind im Grunde nur ein fortgesetztes Gespräch. Jean Paul, der Rahel und ihren Geist leidenschaftlich bewunderte, fügte Varnhagen gegenüber hinzu, es sei aber notwendig, daß sie an jemanden schriebe. Sie bedarf zum Ausdruck ihrer Gedanken ihrer selbst und des anderen. Ihr Geist ist Wein, der nur in diesem Gefäß so voll leuchtet, der nur aus ihm unmittelbar aufgenommen werden kann. Erst wenn sie die Lippen fühlt, die sich an den Rand der Schale legen, strömt sie ihr bestes geistiges Gut aus. Denn es ist noch mehr Leben als Geist, mehr Kraft unmittelbarer Wahrhaftigkeit als geformte Wahrheit Es ist keine Bemühung um Objektivierung, um Form, um Klarheit in ihrem Stil. Empfinden wir in den Briefen Carolinens beglückend die erstaunliche Präzision und Formklarheit des Ausdrucks, so wäre die Frage nach diesen beiden Eigenschaften, die einem gebildeten Stil, einem Kunstwerk zukommen, der Sprache Raheis gegenüber so sinnlos, wie gegenüber aus dem glühenden Erdinnern emporgeschleuderten Lavastücken. In ihrem Stil ist keine andere Form, als die ursprüngliche ihres innersten Lebens, ist auch dieselbe Unform, Gewaltsamkeit und Härte, aber auch dieselbe glühende Weichheit und Innigkeit. Das Wort gibt den Gedanken unbedingt wieder, aber nicht durch seine reine 122