Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 121 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Rahel strahlend war an Rahel, wurde gefesselt und verbogen. Als ihre zwei Grundfehler bezeichnet sie einmal: „Eine zu große Dankbarkeit und zuviel Rücksicht für menschlich Angesicht". Und diese Eigenschaften, die sonst Tugenden sind, nennt Rahel mit Recht bei sich Fehler, weil sie sie weder selbstverständlich noch aus einer tieferen Einsicht ihres Geistes, nicht frei und generös, sondern in Empörung gegen ihre eigene bessere Einsicht übte: gegen das von ihr schrankenlos bejahte Grundgesetz ihres Lebens, das das freier Selbstentfaltung war. Und es ist kein anderes übergreifendes Gesetz, das in ihrem Leben dem Gesetz der Selbstentfaltung einschränkend und umbiegend entgegentritt — es ist nur ihr erliegendes Herz. So wird die Tugend zur Schwäche, so kündigt sich früh der stete Zwiespalt zwischen Geist und Herz in ihrem Leben an. Aber über diesem Zwiespalt erhebt sich zugleich Raheis reinstes Glück, der ewige Trost ihres Geistes. Sofort nach jener Einsicht in das Verhängnis ihrer Jugend fährt sie fort: „Ich wäre ein sehr, für aller Augen verkrüppeltes Geschöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir, und jenes Vergessen der Persönlichkeit, ohne welches die genialsten Menschen auf der Erde und in jeder Wissenschaft keine wären." In diesen Worten, zusammen mit jenen ersten, ist Raheis ganzes Glück und ganzes Unglück ausgesprochen: die Schwere ihres Lebens, die Begnadung ihres Geistes, die ihrem Leben die tiefe innere Festlichkeit des Überreichtums, die abgelöste Klarheit reiner Wahrheitsfähigkeit schenkte, die Möglichkeit, sich selbst geistig in jedem Augenblick zu überschreiten, zu der ihre Zeit ihr einen so wundervollen Lebensraum anwies. Denn es war ja die Zeit jener abgelösten Herrschaft des Geistes, in die wir heute wie in ein weit entferntes Land traumhafter Unwirklichkeit zurückblicken. Nur inmitten einer so abgelösten Geistigkeit und aus ihr ist Rahel in ihrer Eigenart, in der ihr eigenen geistigen Sphäre überhaupt zu verstehen. Mit dem eigentlichen Jenenser Romantikerkreis freilich hat sie sich nur flüchtig berührt Aber gerade in dem Berliner Kreis, der seine letzte Wurzel bereits in der großen Persönlichkeit Moses Mendelssohns hatte und in seiner Blütezeit von Schleiermachers Geist durchweht war, in diesem Kreis, in dem — wie sonst nirgends in Deutschland — der Adel der Geburt mit dem des Geistes sich mischte und der Adel der Geburt dem des Geistes huldigte, lebte ein Rausch am Geist, am puren losgelösten Geist, wie er nur in jenem einen geschieht^ liehen Augenblick denkbar war, in dem der Geist in seiner eigenen in sich selbst kreisenden Herrlichkeit entdeckt wurde, in dem sich im Geiste die Ge- \2\