Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 120 (sequence 3)
- Language
- German
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Margarete Suaman schädigt, die Knospe, in der ein fürstlich reiches Leben seiner Entfaltung harrte, geknickt Die Atmosphäre des Elternhauses war für ihre ganze Entwicklung unheilvoll und um so unheilvoller, als sie immer in Berlin blieb und sich so nie ganz von ihrer Familie löste. Mit ihren Geschwistern freilich, vor allem mit dem bedeutenden Ludwig Robert, verband sie immer eine wirkliche Freundschaft Ihre Mutter dagegen, schwach und verscheucht, konnte ihr wenig bedeuten. Ihr Verhängnis aber wurde ihr Vater. Ihr, wie sie selbst sagt„ „rauher, strenger, heftiger, launenhafter, genialer, fast toller Vater", der ihr „überzartes und starkes Herz übersah und es brach, brach. Mir jedes Talent Sur Tat zerbrach, ohne solchen Charakter schwächen zu können. Nun arbeitet dieser ewig verkehrt wie eine Pflanze, die nach der Erde hineintreibt: die schönsten Eigenschaften werden die hideusesten." Diese bittere Selbsterkenntnis von einer anfänglichen Umbiegung ihres gesamten Wesens steigt inmitten all ihrer Freude an sich selbst und ihrem inneren Reichtum in Raheis Leben immer wieder auf. Und wie allen bedeutenden Naturen ein bestimmter Schicksalsrhythmus ursprünglich mitgegeben ist, so haben auch Raheis Schicksale wie in einer unerbittlichen Dämonie diese frühe grausame Verletzung immer neu wiederholt und vertieft Aus dieser Wunde, die immer neu aufgerissen zu werden ihr schicksalsmäßig auferlegt war, quoll alles Leid ihres Daseins. Es gibt ein Wort Raheis, das wie fast alle ihre Worte über Menschliches objektiv überraschend wahr und aufschlußreich, zugleich diese schmerzlichste Wunde ihres persönlichen Lebens enthüllt: „Wenn wir einen all unseren besten Anforderungen entsprechenden Gegenstand fänden, würde nur Liebe, nie Leidenschaft entstehen: die Anstrengung, die uns übrige Liebe anzubringen, ist Leidenschaft" Der erste, der ihr diese verzweifelte Anstrengung der Leidenschaft auferlegte, der ihr ihm entgegenströmendes Herz mit der Fülle seines Aufblühens in sich selbst zurückwarf, war ihr Vater. Und Rahel wußte, daß alles, was ihr widerfuhr, ihr „auf ewig" geschah. Die Gewalt ihrer Natur selbst brannte ihr alles ihr Geschehene unwiderruflich ein. Sie hat die Erinnerungskraft, wie sie nur der ganz substantiellen Natur eigen ist, wenn sie zugleich mit der höchsten Wachheit des Geistes verbunden ist Ihr „Charakter", ihre gewaltige Lebenskraft wurden durch die frühe Verwundung nicht geschwächt; aber sie konnten nicht mehr den ursprünglichen geraden Weg liebenden Aufblühens nehmen; sie trieben ihre gewaltigen Blüten verkehrt, in das Dunkel, in ihr eigenes Innere zurück statt empor, nach außen, ins Licht; und alles, was groß, frei, 120