Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Rahel
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 119 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898799--02706-2898856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman: Rahel Und Rahel selbst hat auch das objektive Werk, obwohl sie wußte, daß ihr alle Gaben zu ihm verliehen waren, nicht als die eigentliche Aufgabe ihres Lebens erkannt Sie wußte und sprach es aus: „Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element Im selben Rang, und gehören zusammen." Doch sie fährt fort: „Mir aber war das Leben angewiesen." Wenn wir uns fragen, wie es kommen konnte, daß trotz dieses ins Ungemessene gesteigerten Selbstgefühls Rahel auch diese ihr ursprünglich zugewiesene Lebensaufgabe nicht gelöst hat, so stehen wir mit einem Schlage vor dem ganzen verwickelten Geflecht ihrer Anlagen, ihrer Lebensbedingungen und ihrer Schicksale. Nichts ist hier vom anderen zu lösen: ein einziges Bild* eine einzige Gestalt webt sich aus den vielfältigen Fäden von Raum und Zeit und Geschehen um den lebendigen Mittelpunkt der Seele zusammen. Was aber diese verschlungene Schicksalsgestalt von Raheis Leben, obwohl ihr nirgends Vollendung beschieden war, dennoch so ganz des Anschauens wert macht, ist, daß eben dieser lebendige Mittelpunkt ihrer Seele mit seiner tiefen Glut durch alles Geschehen ihres Lebens unveränderlich hindurchstrahlt Nicht weniger romantisch als Caroline, nicht weniger weiblich als Dorothea hat auch Rahel allein aus dem Mittelpunkt ihres Seins gelebt Aber dies bedeutet für sie durch ihre Anlage wie durch ihre Herkunft zugleich noch etwas anderes. Es bedeutet eine gewaltsame Anspannung aller Kräfte, es bedeutet Bedrohtsein und Kampf. Denn immer war unter Raheis Leben der Abgrund. Ihr Leben wurzelte nicht still und sicher wie das Carolinens im All, sondern es war wie feinste schwingende Saiten über eine dunkle Leere gespannt Rahel war unendlich leidenschaftlicher, weicher und verwundbarer. Sie war körperlich, geistig und seelisch ein überzartes Instrument Alle ihre Anlagen waren außerordentliche. Ihr überragender Geist mit seinem unendlich subtilen Sinn für Wahr" heit verband sich mit dem weichsten überströmendsten Herzen, mit den feinsten empfindlichsten Sinnen und Nerven. Wie sie die Menschen liebte, die Dinge sah, die Luft atmete, das Leben in sich trank — schon all dies Elementare geschah bei ihr mit solcher Intensität, daß das Leben der anderen Menschen neben dem ihren als Schattendasein erscheint Jeder Luftwechsel, jeder Wetterumschlag bringt die überzarten Saiten ihres Wesens zum Erklingen — und das Zerstörendste und Schwerste ist ihr widerfahren und aufgegeben. Rahel Levin ist in Berlin im Jahr 1771 geboren. Die äußere Lebenssituation war günstig; aber von Anfang an wurde ihr inneres Leben schwer be- 119