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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Rahel
Date
1928-06-01
Page
118 (sequence 1)
Language
German
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Rahel Von Margarete Susman Ein schönes Schicksal hatte ich nicht; aher gottgeliebt war ich doch; es war immer Feiertag in mir. Rahel. Unter den drei bedeutenden Frauen der Frühromantik ist Rahel die problematische Gestalt Kann man Caroline die eigentlich geschichtliche Frau der Romantik nennen, weil ihr Leben die sichtbare Vollendung der Idee des romantischen Lebens selbst: einer organischen Entfaltung aus dem Mittelpunkt des persönlichen Seins, darstellte — hatte dagegen Dorothea ein im eminenten Sinne weibliches Schicksal: die liebende Verlegung des eigenen Lebenszentrums in ein fremdes — so waren Rahel beide Formen solcher Lebensvollendung versagt Versagt gerade darum, weil in ihr, die an seelischem und geistigem Umfang über die beiden anderen Frauen noch weit hinausgeht, die Anlage zu diesen beiden Lebensformen in gleich großer Starke und Intensität gegeben und mit einer dritten ebenso starken Anlage vereinigt war: einem männlich schöpferischen Geist So hätte der Bestimmung ihres Geistes eine große objektive Leistung entsprochen. Aber auch zu dieser ist es nicht gekommen. Rahel hat uns wie alle bedeutenden Frauen jener Zeit nichts anderes hinterlassen als Briefe: Äußerungen ganz persönlichen, ja ganz momentan gefärbten Lebens. Freilich findet man in der unermeßlichen Menge ihrer Briefe, in Äußerungen allerpersönlichster, oft personalster Art, ein ganzes Gedankensystera wie Goldadern in Urgestein eingesprengt Aber auch alle diese Gedanken tragen durchaus die Form subjektiven Erlebens und die Spur des Augenblicks, der sie hervorrief. Das gibt ihnen ihre wunderbare spontane Lebendigkeit; aber es schließt sie auch zugleich von der streng erarbeiteten Gedankenwelt der ganz Großen aus. 118

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