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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 116

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Von der Beschneidung
Date
1928-06-01
Page
116 (sequence 8)
Language
German
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Raimund Eberhard ausschweifende geschlechtliche Sittenlosigkeit versunken sind, bei denen der Phallusdienst im Schwange ist, Tempel-Prostitution stattfindet und Knabenliebe (vergL Sodom und Gomorrha) Volkslaster ist Und nun kämpft dieses kleine und verachtete Volk für die gesamte Menschheit, den Geisteskampf um die Idee eines sittlich orientierten und verinnerlichten Monotheismus aus, und sondert sich bewußt ab, als das auserwählte Volk des Ewigen, der Himmel und Erde geschaffen. Und das ist nun das Wunderbare an diesem allermerkwürdigsten Volke, daß, so oft das Volk Gefahr läuft, dem heidnischen Naturgötterdienst zu verfallen und sich ihrer geschlechtlichen Verwilderung zu ergeben, immer wieder von Gott ergriffene Männer — Nebiim — (Sprecher Gottes, Propheten) auftreten, die zürnend, strafend, lockend und verheißend das auserwählte Volk zu seinem erhabenen Beruf, dem es untreu geworden, zurückberufen, dabei den Gedanken des einen Gottes in seiner sittlichen Erhabenheit und allertiefsten Innerlichkeit immer klarer, entschiedener, herrlicher herausarbeitend. Und als das Volk in die babylonische Gefangenschaft geführt wird und 70 Jahre zerstreut unter den Heiden lebt, da ist es allein der kultische Gedanke, der Gedanke der Berufung durch den einen Gott des Himmels und der Erden, der das Volk als Volk zusammenhält; und die Beschneidung wie die Feier des Sabbathtages, die sein großer Prophet Ezechiel von neuem anbefiehlt, sind nun als die Zeichen des Bundes mit dem Ewigen zugleich die äußeren Symbole, durch die das Volk sich von den umgebenden Heiden äußerlich absondert „Darum sollt ihr heilig sein, denn ich bin heilig!" erschallt es nun zu dieser Schicksalsrstundc des Volkes wiederum, und so rettet und erhält er sich — während das Zehnstämme-Reich im Norden in der assyrischen Gefangenschaft spurlos unter den umgebenden Heiden aufgegangen ist — als das Volk Gottes durch die Jahrhunderte hindurch, dabei mit grenzenloser, ja unerhörter Beharrlichkeit an dem Bundeszeichen der Beschneidung festhaltend. Ich sage, wer wagt es jetzt noch über die kultische Handlung der Beschneidung bei den Juden zu spotten, sie, die eine geistesgeschichtliche Bedeutung allergrößten Ausmaßes hat, und auf die man nur mit tiefster Ehrfurcht blicken kann, sie, die als tiefstes, heiligstes Symbol den Menschen vor seinem Schöpfer, vor sich selbst, seiner Familie, seinem Volk, ja der ganzen Menschheit im Gewissen verantwortlich macht? Möglich, daß diese tiefe und edle Bedeutung der Beschneidung im Bewußtsein vieler unserer heutigen religiös entwurzelten Juden ver- 116

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