Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Von der Beschneidung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Bescixneidung Also soll nun auch, wie gesagt, insonderheit das Leibesleben, das der Mensch mit dem Tier gemein hat, unter das Gebot der Heiligkeit gestellt werden und Teil haben an der „Heiligkeit" dergestalt, daß auch das Tierische im Menschen unter das Gebot Gottes gestellt wird, und also, unter das Gesetz der Heiligkeit gestellt, gottwohlgefällig und angenehm ist Somit keine Negation und kein Kul t u s, sondern Kul t u r der Sinnlichkeit* und zwar „Kultur" im höchsten und erhabensten Sinne, im Sinne religiösmetaphysischer Vertiefung. Dessen zum Zeichen wird nun auch das Zeichen der Tierheit am Menschen, das mannliche Zeugungsglied mit dem Bundeszeichen, dem Stempel der Gottheit versehen, indem die Vorhaut, sie der Sitz mancher leiblicher Unreinigkeit, weggeschnitten wird, auf daß es nun dem Menschen unauslöschlich ins Gewissen geschrieben werde, daß er auch für sein Sinneninsonderheit sein Geschlechtsleben vor Gott verantwortlich sei, daß auch diese seine Tierheit Teil habe an der Heiligung, die Gott dem Menschen geboten. Und schon leuchtet es über der Geschlechtlichkeit, die wie nur ein Trieb im Menschen ihn zu versklaven und zu entwürdigen strebt, mit himmlischer Klarheit auf. Da erwacht im Sündenfall als elementarste Menschen- Empfindung die Scham, da tritt diese Schamhaftigkeit in ergreifender Weise in der Erzählung von den Söhnen Noahs zu Tage. Da wird die Keuschheit des Joseph in das Licht der Verantwortung vor Gott gestellt, da werden die Praktiken Onans gegeißelt, da wird in Simson geschildert, wohin ein Mensch mit einer ungezügelten, hemmungslosen Sinnlichkeit kommt Da wird geschlechtliche Reinheit in der Gesetzgebung Mosis anbefohlen und über Ehebruch, Hurerei, Notzucht, Blutschande, Knabenliebe und andere Laster ein allerstrengstes, religiös motiviertes Verbot ausgesprochen. Da ergießt sich der gewaltige Zornesruf der Propheten immer von neuem über alle Fleischessünden, und die Erhaltung der Reinheit des Familienlebens wird nun religiöse Pflicht Da werden auch um der Heiligung des Leibeslebens willen strengste äußerliche Reinigungsvorschriften gegeben. Zugleich aber leuchtet es auf, daß äußerliche Reinigkeit nicht genügt, sondern daß es vor allem auf Reinigkeit der inneren Gesinnung ankommt Und nun heißt es, indem die Beschneidung des Leibes immer deutlicher seine Symbolkraft offenbart: „Beschneidet eure Herzen!" Und nun bedenke man folgendes: Es handelt sich hier um das kleine bäuerliche Volk Israel. Es lebt inmitten hochzivilisierter Völker, die in eine 115