Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Von der Beschneidung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Raimund Eberhard hat Ja, die Vergänglichkeit, und damit auch die Geschlechtlichkeit, das Prinzip des Werdens und Vergehens des Menschen in der Zeit, ist nur unser Kleid, das das Ewige unseres Geistes, der da ist ein Lichtstrahl des ewigen Geistes Gottes und also Teil hat an Gottes Ewigkeit, umhüllt und birgt Und nun, wie das blitzende Auge und die hohe Stirn gleichsam der Adelsstempel des Gottes-Bildes am Leibe des Menschen sind, also sind die Zeugungsglieder der Stempel der naturhaften Tierheit im Menschen. Im Geschlechtstrieb steigert sich das tierische Gattungswesen des Menschen zur höchsten Kraft und sucht den Menschen in seinem geistigen Wesen zu unterjochen und zu versklaven, daß der Mensch werde zum Tier, wie die andern Tiere des Feldes auch. Aber nun bäumt sich die Gottheit im Menschen gegen seine Tierheit auf, es entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod: das Fleisch gelüstet wider-den Geist, und der Geist wider das Fleisch, und Heil und Friede erwächst dem Menschen nur dann, wenn es dem Geist in ihm, als dem spezifischen Menschenwesen gelingt, die Herrschaft über das Tier- und Triebwesen zu erringen. Und auf die Stärkung, Kräftigung, Klärung, Reinigung dieses geistigen Wesens läuft jede Erziehung, jede Selbstzucht hinaus, und das Maß, je nachdem es dem Menschen gelungen, seine Tierheit unter die Zucht des Geistes zu bringen und dem Tier- und Triebwesen eine Region des Geistes abzuringen, bestimmt des Menschen Ehre und Würde; einen Tier- und Triebmenschen, in dem die „Bestie im Menschen" die Oberherrschaft hat, bezeichnen wir als „entmenscht". — Da macht nun Jahwe, der Ewige, mit dem Samen Abrahams einen Bund: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!" „Heilig", d. h. euer ganzes Leben, euer ganzes Sein, all euer Wollen, Denken, Fühlen und Handeln, euer individuelles und euer soziales, euer Leibes- und euer Geistes-Leben soll gestellt sein unter das göttliche Gebot, unter die Verantwortung vor Gott, in das Licht des Göttlichen, soll Zeugnis ablegen, daß ihr Bilder, daß ihr Kinder Gottes seid. Und weil der „Ewige" und Einij-Einzige sich Israel als seinen „erstgeborenen Sohn" (2. Mosis 4> 22) auserwählet, darum stellt er an jeden Einzelnen in seinem Volk die strengsten und ernstesten Forderungen, dergestalt, daß Gottes Wirklichkeit wahrhaft und in jeder Beziehung im Volke verwirklicht werden soll. Darum aber heißt es bei so großen Segnungen und Verheißungen auch: „Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich euch allein erkannt; darum will ich auch euch heimsuchen in all eurer Missetat!" (Arnos 3, 2.) 114