Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Von der Beschneidung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Beschneidung Licht der modernen Naturwissenschaft, kaum noch Verständnis haben, indem sie vermeinen, daß solche alten Fabeln und Märchen durch die Naturwissenschaft endgültig erledigt sind. Nein, ich sage, sie sind nicht erledigt und werden niemals erledigt werden. Denn alle letzten Erkenntnisse des Menschengeistes sind symbolisch und werden symbolisch bleiben, weil das diskursive Denken eben nicht hinter sich selbst kommen und also auch nicht den Schleier vom letzten Geheimnis zu lüften vermag, wohl aber der Mensch, vermöge jener in ihm wohnenden Schöpferkraft, die wir mit dem so oft mißbrauchten Wort „Phantasie" bezeichnen, ahnend und sehnend in jene geheimnisdunklen Tiefen hin eindringt, wo ihm nun mit einem Male hellstes Licht aufleuchtet, wo alle dunklen Fragen und alle Widersprüche sich lösen. Ich kehre nunmehr zu der jüdischen Kulthandlung der Beschneidung zurück, indem ich das, was ich eben grundsätzlich gesagt, auch auf sie anwende. Auch sie ist, — ich sagte es schon — ein Symbol. Durch sie, den äußeren sinnfälligen Vorgang, soll ein Unsinnlich-Geistiges ausgedrückt und in der Welt der Sinne dargestellt werden, auf daß also der Mensch über die Welt der Sinne und der Sichtbarkeit hineingeführt werde in das Reich des Geistes und der Unsichtbarkeit, wo er seine Heimat und sein Ziel, seine Menschenwürde und -ehre und seine Vollendung findet Und da steht nun vor uns jener erhabene Mythos von der Schöpfung des Menschen und ihm sich anschließend der nicht minder erhabene und menschlich wahre Mythos vom Sündenfall. Der Genius, in dessen Geist diese Mythen aufleuchteten, ist wahrhaft des Gottes voll gewesen, also daß wir das, was er geschaut, mit Recht „Offenbarungen" nennen können, Offenbarungen aus Gott und von Gott und über Gott, Gottes Wesen, und zugleich Offenbarungen über des Menschen eigenes Wesen. Und so sieht nun dieser Genius die Doppelnatur des Menschen, in der alle menschliche Tragik begründet ist, seine Natur als „Erdenkloß" und als Bild Gottes, als ein endliches Wesen, eingereiht in die Daseins-Stufe der Tierheit, und zugleich als ein über alle Zeiten erhabenes Wesen, eingereiht in das Reich des Geistes und also des wahrhaftigen Seins. „Du (—o Gott—) gabst dem Geist die irdische Hülle, Du hast ihn in die Zeitlichkeit gesendet . . . ." Also hebt eines der tiefsinnigen Sonette Michel-Angelos an, jenes gewaltigen Gott- und Menschenschauers, der den nie endenwollenden Streit der Zwienatur des Menschen in seinem eigenen Leben wahrhaft wie ein Titan durchgekämpft t!3