Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Von der Beschneidung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Raimund Eberhard tiefstes, seelisches Erleben am Ausdruck, sich selbst dem Geiste darstellend und also dem Geiste sein eigenes Wesen deutend und ihn seiner selber vergewissernd. Mit Oberflächen-Psychologie im Sinne unserer empirischen Fachpsychologie mit ihren Tests, Experimenten und Enqueten ist hier nichts getan, und ebensowenig mit einer rein naturalistisch orientierten Psychoanalyse Freudscher Richtung, die alles unter dem Gesichtswinkel der Sexualität betrachtet und alles aus dieser einen Tatsächlichkeit deutet Nicht, als erkennte ich die Bedeutung dieser Psychologien für ihr spezielles Gebiet nicht an. Aber wogegen ich protestiere, ist ihre anmaßliche Kompetenzüberschreitung, in dem diese Psychologien dazu neigen, von ihrem beschränkten oder einseitigen Standpunkte aus Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens zu deuten, für die sie kein Organ haben, und die sie darum nicht sehen, nicht deuten können, für deren Innewerdung und Deutung vielmehr das Erlebnis und die Gewißheit einer übergeordneten und überindividuellen geistigen Welt, die in die individuellen Einzelmenschen hineinragt, und an der sie teilhaben, Voraussetzung ist Diese Psychologen machen sich derselben Anmaßlichkeit schuldig, wie etwa zu Goethes Zeiten die aufklärerischen Theologen nach Art des Gießener Theologie-Professors EL Fr. Bar dt, gegen dessen aufklärerische Schrift „Eden, das ist Betrachtungen über das Paradies und die darin vorgefallenen Begebenheiten" sich Goethes ganzer Zorn wendet (Kritik in den Frankfurter Gelehrten-Anzeigen.) So bedarf es denn hier einer Psychologie, wie sie die wahren Menschenkenner aller Zeiten besaßen, die in Kraft ihrer eigenen Innerlichkeit in die Tiefen menschlichen Wesens hineinschauten und dem Menschen das mystisch dunkle Rätsel seines Wesens deuteten. Es sind die Sänger und Seher, die des Gottes vollen Künstler, die Weisen und Propheten, sie, die das menschliche Herz klopfen hörten und den Weg durch das Labyrinth der Irrungen und Wirrungen der menschlichen Seele zu weisen wußten. Da ist kein mühseliges Experimentieren, dergestalt, daß alles, was sich mit dem grobmaschigen Netz der Experimente und Schlüsse nicht fangen läßt, nicht vorhanden ist Nein, die Welt ist nirgends zu Ende, weder der Makrokosmos da draußen, noch der Mikrokosmos da drinnen im Busen des Menschen. Es führt da ein geheimer Weg hinab in alle Tiefen des Seins, ja bis in die Tiefen der Gottheit, nacih deren Bilde der Mensch nach jenem erhabenen Mythos des ersten Blattes der Bibel erschaffen ist, ein Mythos, für dessen allerwahrsten und allerheiligsten Sinn unzählige der heutigen Zeitgenossen, geblendet vom grellen Scheinwerfer- 112