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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 111

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Von der Beschneidung
Date
1928-06-01
Page
111 (sequence 3)
Language
German
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Von der Beschneidung schieden ab, anzunehmen, daß hier reine Nützlichkeitserwägungen die Ursache gewesen sind, daß etwa sanitäre oder medizinische Gründe (Verhütung des Eichel- Trippers u. dergl.) zur Einführung der Beschneidung geführt haben. Ich meine, der kennt das menschliche Herz schlecht, der da wähnt, solche Nützlichkeitserwägungen vermöchten tief eingewurzelte, die Jahrtausende überdauernde, mit mystischem Glanz umkleidete Sitten und Gebräuche hervorzurufen, wie es die Sitte der Beschneidung ist, die nach i. Mos. 17, 17 anbefohlen wird mit der Drohung, daß die Seele des Knäbleins, der an der Vorhaut seines Fleisches nicht beschnitten wird, ausgerottet werden soll, darum, weil es „den_ Bund Gottes unterlassen hat". Ji Böfec Nein, man muß meines Erachtens in die tiefsten Gründe der menschlicher Seele hinabsteigen, man muß Psychoanalyse im geistesgeschichtlichen Sinne anwenden, um solche tief eingewurzelten Sitten aufzuhellen. Man muß „Symboldeutung" treiben. Und da sage ich, daß alle höhere Erkenntnis des menschlichen Geistes symbolisch ist, daß es Irrationalitäten gibt, die sich weder durch Denken auflösen, noch mit den Mitteln der Fachwissenschaft in ihrem Wesen entschleiern lassen, Irrationalitäten, die eben nicht Fiktionen, sondern Realitäten sind, und um deren Darstellung in der sinnenhaften Wirklichkeit der Menschengeist immerdar ringt, indem er in der in ihm waltenden schöpferischen Phantasie Symbole gestaltet, die aus der Welt der Sinne und der Vergänglichkeit hinweisen auf ein höheres Reich des Geistes und der Unvergänglichkeit. So hat noch jedes Kunstwerk, so wahr es den Anspruch macht, dem Reiche der Kmist zugerechnet zu werden, symbolischen Charakter, jeder gotische und romanische Dom, jede der gewaltigen Passionen Bachs, jede der SymH phonien Beethovens, jede große Dichtung, wie die griechischen Tragödien oder Goethes Faust, ja jedes kleine von innerer Musik erfüllte lyrische Gedicht, und jedes schlichte Volksmärchen: sie alle künden deutlich genug, daß hier dem ahnenden Gemüte des Menschen Wahrheiten verkündet werden, die höher und wahrer und gewisser sind als alle sogenannten Wahrheiten von heute und morgen, Wahrheiten, die das Innere des Menschen helle machen und ihm Sinn, Ziel und Würde seines eigenen Seins deuten und also ihn innerlich beseligen. Um solche Symbole handelt es sich auch bei allen sakramentalen Handlungen, bei den christlichen Sakramenten der Taufe und des Abendmahls und den weiteren spezifisch katholischen Sakramenten, und ebenso bei der jüdischen Kulthandlung der Beschneidung. In allen diesen Kulthandlungen ringt III

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