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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 110

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Von der Beschneidung
Date
1928-06-01
Page
110 (sequence 2)
Language
German
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Raimund Eberhard Diese Anknüpfung aber entspricht durchaus der Linie, die vom Alten ins Neue Testament führt, wie es denn Römer i5, 8 heißt: „Ich sage aber, daß Jesus Christus sei gewesen ein Diener der Beschneidung, um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen." Und im selben Römerbrief (2, 25ff.) verbreitet sich der Apostel Paulus ausführlich über die Beschneidung des Leibes und der Herzen. Paulus knüpft hier ganz ausdrücklich an die Weisungen des Alten Testaments an, wo es schon im 5. Buch Moses 10, 16 heißt: „So beschneidet nun eures Herzens Vorhaut ..." und Kap. 3o, 6: „Und der Herr dein Gott wird dein Herz beschneiden und das Herz deines Samens, daß du den Herrn deinen Gott liebest von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf daß du leben mögest" Diesen Gedanken nehmen die Propheten wieder auf, vor allem Jeremias, wo es. Kap. 4, k heißt: „Beschneidet euch dem Herrn und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer in Juda und ihr Leute zu Jerusalem, auf daß nicht mein Grimm ausfahre wie ein Feuer und brenne, daß niemand löschen möge um eurer Bosheit willen", und Kap. 9, V. 26 klagt der Prophet: „Denn alle Heiden haben unbeschnittene Vorhaut, aber das ganze Haus Israel hat ein unbeschnitten Herz." — Die Beschneidung des Leibes ist hier also ins Geistige umgedeutet, und das Bundeszeichen am Leibe nun ein Symbol für das Bundeszeichen am Herzen: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr euer Gott" (3. Mosis 19, 2). Aber doch, trotz dieser Umdeutung ins Geistige bleibt die Abneigung vor der Beschneidung, und die Neigung über sie zu spotten bei zahllosen Nichtjuden, und nicht nur bei Antisemiten, bestehen. Ja, wie ich höre, lassen in allerneuester Zeit selbst manche religiös entwurzelte Juden von der Beschneidung ab, gleich als schämten sie sich dieser uralt heiligen Vätersitte. Indessen, es muß diesem fleischlichen Akt der Beschneidung ein tiefmenschlicher Zug zugrunde liegen. Denn nicht nur bei den Juden findet sich diese kultische Handlung, die sich bei ihnen durch die Jahrtausende erhalten hat, sondern auch bei den alten Ägyptern waren mindestens die Priester beschnitten, und noch heute üben zahllose Stämme Afrikas diese Sitte der Beschneidung, ohne daß sich irgendwie ein geschichtlicher Zusammenhang mit Alt-Ägypten oder Israel nachweisen ließe. Was aber ist es nun, was dieser Sitte zugrunde liegt, was für eine Regung des menschlichen Herzens ringt hier um Ausdruck? Ich lehne es ganz ent- 110

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