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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Schriften zur religiösen Lage der Zeit [Rezension]
Date
1928-04-01
Page
98 (sequence 6)
Language
German
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Julius Gold&tem Über den magischen Charakter der "Volksreligion schreibt Mackensen: „Der Kirchenbesuch wird zur Magie: Einer aus dem Hause muß am Sonntag in die Kirche, damit nicht Not und Elend über das Haus kommen. Das Gebet des Pfarrers mit dem Kranken wird zu einem Gebet über dem Kranken. Es entscheidet über Leben und Tod des Kranken, und 4o Vaterunser in der Osternacht gebetet, bedeuten die l\o Grabesstunden Christi und bringen großen Segen. Je mehr Weihwasser, um so größer die Hilfe, und ein Gebetbuch beim Sturmangriff bei sich zu tragen, ist ein guter Schutz. Wie man denn auch in Siebenbürgen gebärenden Frauen das Gesangbuch unters Kopfkissen legt, um ihre schwere Stunde zu erleichtern. — Die Lektüre dieser kleinen Abhandlung regt zu mancherlei Betrachtungen an. Wie seltsam nehmen sich doch, angesichts der eben geschilderten Tatsachen, die Generalurteile aus, die in jedem Deutschen einen Faust oder einen Prometheus sehen! Wie substanzlos und wirklichkeitsfremd sind doch die schematischen volkspsychologischen Urteile, die sich in der völkischen Literatur höheren und niederen Grades finden, und zwar bei allen Religionsgemeinschaften, einschließlich der jüdischen. Denn, wie Mackensen schreibt: „In diesen drei Grundtrieben des Volksmenschen, seinem Egoismus, seinem Gegenständlichkeitsdrange, seiner mystisch-magischen Veranlagung, erblicken wir die großen treibenden Kräfte, die die Gestaltung seiner Religion bedingen. Sie sind ewig und so überzeitlich, wie übernational; überall, wo Volksreligion lebt, werden sie sich an wesentlichen Punkten des Glaubenslebens nachweisen lassen." — * Eine wertvolle Ergänzung zu dem von Mackensen behandelten Thema war für mich die Schrift von Friedrich Niebergall „Die Dorfkirchenarbeit und das Alte Testament" (Deutsche Landbuchhandlung G. m. b. H., Berlin OW. n, 71 S.). Auch Niebergall schildert das Wesen der bäuerlichen Frömmigkeit „als stoffliche Wertungsweise und gesetzliche Lebenshaltung voll Selbstgerechtigkeit, mit dem Anspruch auf Lohn für kultisches und moralisches Wohlverhalten auf Erden oder spätestens im Himmel.... Überall ist Glaube mit Aberglaube aufs engste verquickt — Aberglaube als ein Verhalten zur Welt, das den alles beherrschenden sinnlichen, selbstischen Interesse durch irrationale Bräuche, also durch Zauber, zu dienen bestimmt ist." Wie läßt sich angesichts solcher Lage praktische Dorfkirchenarbeit leisten? Das Neue Testament hat nach Niebergall zu wenig unmittelbare Beziehung zu der bäuerlichen Welt. Niebergall spricht den „niederdrückenden Gedanken" aus, die kirchliche Gestaltung des Volkslebens sei so eng organisch mit früheren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen verbunden, daß sie in andere garnicht mehr hineinpasse. Zur Überwindung, dieser Schwierigkeit greift Niebergall auf das Alte Testament zurück, — in ihm findet er „Formen und Modelle" für die praktische Dorfkirchenarbeit der Gegenwart. Er schildert die bäuerliche Welt des Alten Testamentes, ihre Wertverfassung und ihre Ideale, ihr von religiösen Ideen gestaltetes Volksleben. In der ersten Hälfte seiner Schrift charakterisiert er die alttestamentliche Frömmig- 98

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