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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Schriften zur religiösen Lage der Zeit [Rezension]
Date
1928-04-01
Page
97 (sequence 5)
Language
German
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Schriften zur religiösen Lage der Zeit durch diese oder jene Einzelverfehlung entstanden, sie ist Schicksal, das aus einer Gesamtschuld heraufgestiegen ist. .....Der Verlust einer Religion wächst aus der Zerrüttung der tiefsten Tiefen menschlichen Gemeinschaftslebens überhaupt heraus. Wer mag da Rezepte geben? Wer möchte nicht vielmehr lieber schweigen und die Entwicklung dem in die Hand geben, dem Kinder geboren werden können wie Tau aus der Morgenröte und „der da lebendig macht die Toten und ruft dem, was nicht ist, daß es sei". — — In die Religion der bäuerlichen Bevölkerung führt die Studie von Privatdozent Dr. Lutz Mackensen-Greifswald, „Volksreligion und Religion im Volke". Religion im Volke nennt Mackensen das Christentum, wie es niedergelegt ist in den Lehrbüchern der Dogmatik, gepredigt wird in den Kirchen und erörtert wird auf den Kongressen der Theologen. Volksreligion ist die im Volksmenschen gelebte Religion, die zwar äußerlich der „Religion im Volke" ähnlich sein kann, die aber bei näherem Zusehen etwas grundsätzlich Verschiedenes ist In der Volksreligion spielen vorchristliche Glaubensformen noch eine wichtige. Rolle; sie äußern sich in einer dem Volksmenschen eigentümlichen Art des Denkens und Fühlens. In der Hauptsache sind es drei Grundfaktoren, die wie in allen andern Gebieten des Volkslebens, so auch in der Volksreligion als treibende Kräfte anzusehen sind: i. Der Egoismus des Volksmenschen, der ihn mit unbeschreiblicher Selbstverständlichkeit die Umwelt vom Zentrum seines eigenen Ichs betrachten läßt und alle Dinge zur eigenen Person in Beziehung setzt und bewertet. 2. Die Gegenständlichkeit seines Denkens, die sich an die greifbare Materie klammert und die es ihm unmöglich macht, höhere geistige Auffassungen zu verstehen und 3. die mystische Veranlagung, die ihn die natürlichen Zusammenhänge nicht finden läßt, und statt deren andere geheimnisvolle, zauberische, magische sucht. Wie sich diese Eigentümlichkeiten des Volksmenschen in seiner Religion auswirken, zeigt Mackensen an einer Reihe von charakteristischen Beispielen, die er literarisch belegt. „Einem Bauer, der in seiner eigenen Kapelle täglich die Gebetszeiten geläutet hatte, leerte eine Viehseuche fast den ganzen Stall. Da riß er das Glockenseil herunter: „Ist das der Dank? 2 5 Jahre habe ich geläutet... ." Was nützt's, was schadet's — nach diesen egozentrischen Prinzipien regelt sich nicht nur das Verhältnis der Gemeinde zur Kirche, sondern das des Volksmenschen zu Gott schlechthin. Der Volksmensch regelt auch seine ethischen Prinzipien nach egoistischen Grundsätzen. Der Dualismus von christlicher und von egoistischer Moral läßt sich auf allen Gebieten beobachten. Ein Pfarrer verlor seine Brieftasche mit 3oo Florin, ein verschuldeter Bauer fand sie, leugnete den Fund ab und bezahlt „ehrlich" seine Schulden: „Hie das, das schickt uns der liewe Gott!" — Den Einwohnern des holsteinischen Dorfes Witzhaven galten noch 1875 Diebstähle, die sie im lauenburgischen Gebiet ausübten, nicht als Unrecht. Sie fühlten sich in Feindesland, und da durften sie stehlen. Den Satz des Helgoländer Kirchengebetes: „Segne unsern Strand!" verstehen die Fischer — und niemand kann sie davon abbringen — in dem Sinne: Laß recht viele Schiffe stranden! — 97

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