Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Schriften zur religiösen Lage der Zeit [Rezension]
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 96 (sequence 4)
- Language
- German
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Julius Goldstern — Günther Dehn hat in Berlin etwa 75 Klassen der Fortbildungsschulen besucht, und hat die mündlichen und schriftlichen Äußerungen von etwa 3 000 jungen Menschen der verschiedenen Berufe im Alter von i4—18 Jahren gesammelt. Das Ergebnis ist erschütternd und niederdrückend. Man empfängt das Bild einer Zerstörung, die bis in die Wurzeln des religiösen Lebens hinabreicht. Dehn hat seiner Schrift die Worte aus Jesaja vorangesetzt: „Die Väter haben Herlinge gegessen, und der Kinder Zähne sind stumpf geworden". Die Industrie hat die Eltern und Großeltern dieser Kinder in die Stadt gezogen und hat sie zu einem Stück Ware im kapitalistischen Wirtschaftsprozeß gemacht. Die Seelen sind verödet. Schule und Kirche besitzen keine Macht mehr zur Erweckung religiösen Lebens. Der Weltkrieg hat ein letztes getan, um die innere Zerstörung zu beschleunigen. „Man kann wohl sagen", bemerkt Dehn, „daß für die Frömmigkeit des Volkes der Krieg verheerend gewirkt hat." Wenn man eine Enquete veranstalten könnte über die religiöse Vernichtung, die der Weltkrieg, auch in den sozial gehobenen Schichten, angerichtet hat, die Kirchen aller Völker würden über die sittlichreligiösen Folgen des Krieges wesentlich anders denken. Die Apologeten des Krieges zitieren immer noch die Worte von einigen Dichtern und Denkern, die den Krieg als eine Macht der Befreiung vom Materialismus feiern, ohne sich bewußt zu sein, daß das, was man früher Krieg nannte, mit dem, was heute der Krieg wirklich ist, nur noch den Namen gemeinsam hat. — Zersetzend auf die religiösen Grundvorstellungen wirkt auch die moderne naturwissenschaftliche Popularliteratur ä la Haeckel. Schließlich kommt noch als soziologisch hemmendes Motiv hinzu, daß die Proletarierjugend die Kirche als „bürgerliche" Institution empfindet, die mit den ihr politisch feindlichen Mächten eng verbunden ist. Diese Tatsache wirkt um so stärker, als die proletarische Jugend ihre entscheidenden Bildungsimpulse von der wirtschaftlichen und politischen Welt empfängt. Die Studie von Dehn stellt wieder einmal fest, wie tief der Aufklärungsrationalismus des 18. Jahrhunderts in das Proletariat eingedrungen ist. Die religiösen Hintergründe der Aufklärung sind aber verschwunden — die banalen Analogien der maschinellen Arbeitswelt bestimmen allein das Denken. Ein älterer Arbeitsbursche sagt (die Selbstverständlichkeit, mit der er das vorbringt, ist das eigentlich Erschütternde): „Vergleiche ich den Menschen mit einer Maschine, so komme ich zu keinem Unterschied. Wird eine Maschine alt, so ist sie nicht mehr fähig, mit der Arbeitsfähigkeit einer neuen Maschine zu wetteifern. Sie muß ausrangiert werden. Und so ist es mit dem Menschen auch". — Es fehlt dieser proletarischen Jugend, und zwar der männlichen mehr als der weiblichen, in ihrem geschiehtslosen Lebensgefühl die Ehrfurcht und das, was die Bibel Gottesfurcht nennt. Sie machen sich wohl Gedanken über Gott — das Problem der Theodizee bewegt sie am meisten —, aber man hat manchmal das Gefühl, „daß für den Proletarier die Frage nach Gott dasselbe Interesse habe, wie die Frage, ob auf dem Mars Menschen wohnen". — Dehn faßt seine Darlegungen in die Worte zusammen: „Die religiöse Lage der Arbeiterschaft und auch der Proletarierjugend ist nicht 96