Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Schriften zur religiösen Lage der Zeit [Rezension]
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 95 (sequence 3)
- Language
- German
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Schriften zur religiösen Lage der Zeit satz über den Prophetismus. Troeltsch hat wohl selbst empfunden, daß er die Propheten zu eng, zu partikularistisch und nationalistisch, zu sehr aus der religionssoziologischen Perspektive Max Webers gezeichnet hatte. In den Zusätzen kommt jene Unbefangenheit stärker zutage, die dem Schüler Lagardes hie und da abhanden gekommen ist. Einige Belege seien dafür gegeben: „Das Alte Testament ist niemals bloß Vorstufe und Deutungsmittel des Christentums und des Neuen Testaments geblieben. Die harte strenge Menschlichkeit, die Ehrfurcht und ethische Einfachheit der Humanitätsreligion, die poetische Naturfrömmigkeit, die Verwandtschaft mit der durch die Jahrhunderte fortwirkenden Stoa, auch die Verschmelzungen mit neuplatonischer Mystik und pantheistischer Deutung des radikalen Monotheismus: All das hat ihm stets einen selbständigen Einfluß gegeben. Außerordentlich gesteigert erscheint dieser Einfluß insbesondere seit dem Beginn der modernen Geisteswelt, wo Spinozas Monotheismus der uninteressierten Gottesliebe, die neuentdeckte Naturpoesie der Psalmen, Lessings Nathan, Kants Ethik und Herders Geist der Hebräischen Poesie und älteste Urkunde des Menschengeschlechtes geradezu eine Wiederaufrichtung des hebraistischen Geistes bedeuten. Das gilt nach der rationalistisch-ethischtheistischen Seite wie nach der mystischpantheistischen. Bei dem Brennpunkt aller modernen Geistesinhalte, bei Goethe, vollends ist offenkundig die Christlichkeit sehr stark der Ehrfurchts- und Humanitätsreligion des Hebraismus angenähert. Sein Faust hat Blutsverwandtschaft mit dem großen Schöpfergenius -des Moses, wie man ihn damals empfand. Und die drei Religionsstufen in dem Bildungsplane der pädagogischen Provinz stellen theistische Ehrfurcht und innerweltliche Humanität an den Anfang der religiösen Erziehung. Im Divan hat Goethe dann seine Frömmigkeit an den alten orientalischen Stoffen entwickelt, wie an der Mahomed- und Mosesdichtung seiner Jugend" (p. 825). Es wäre eine reizvolle Aufgabe, die Werke von Troeltsch daraufhin einmal zu prüfen, welche Urteile" er über das Judentum fällt. Man würde eine merkwürdig schillernde Unsicherheit feststellen können, die mehr als persönliche Bedeutung hat. Menschlich war Troeltsch von allen Vorurteilen frei. Als Theologe unterlag er dem typischen Vorurteil der protestantischen Theologie in einer manchmal geradezu grotesken Weise. So schreibt er in seiner posthum erschienenen „Glaubenslehre", daß die Propheten „die Jahwereligion reinigten und unjüdisch werden ließen." Wie wäre es, wenn man schreiben würde, Goethe habe die deutsche Literatur nach Gottsched „undeutsch" werden lassen? * Die zwei folgenden Schriften versuchen die Tatbestände des religiösen Bewußtseins bestimmter Wirtschaftsklassen festzustellen. Die eine von Günther Dehn („Die religiöse Gedankenwelt der Proletarierjugend", Furche-Verlag, Berlin) behandelt die Frage: Wie ist die Religion beschaffen, die in der großstädtischen Proletarierjugend lebt? Die andere von Lutz Mackensen („Volksreligion und Religion im Volke", Sonderdruck aus dem Schweizerischen Archiv für Volkskunde, Bd. XXVII, 1927) erörtert die Frage: Welche Art Frömmigkeit lebt in der bäuerlichen Bevölkerung? 95