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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien
Date
1928-04-01
Page
91 (sequence 8)
Language
German
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Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien Ebenfalls sind sie selten im Gastwirtsgewerbe, obgleich es den Ostjuden vertraut ist. In Buenos Aires gibt es z. B. von 570 Restaurants nur i4, von 700 Kaffeehäusern, Bars und Bierhallen 19, von 600 Hotels und Pensionen 3i mit jüdischen Besitzern. In den Provinzialstädten und auf dem Lande gibt es mit Ausnahme der in den jüdischen Kolonien gelegenen kleinen Ortschaften so gut wie gar keine jüdischen Gastwirte. Dagegen gehört die bedeutendste Importfirma von Films und kinematographischen Artikeln einem Juden. Er besitzt auch zahlreiche Lichtspielhäuser in Buenos Aires und Rosario. Zahlreich sind die Juden auch im Stoffhandel (Tuche wie Seide en gros und en detail), und zwar ist dies die Domäne der Spaniolen, welche in der Landwirtschaft so gut wie gar nicht und in den akademischen Berufen wenig vertreten sind. Aber auch zahlreiche Ostjuden sind in dieser Branche tätig, während der Gold- und Schmucksachenhandel meist von Nachkommen der Elsässer, die nach 1871 aus ihrer Heimat auswanderten, betrieben wird. Erklärlicherweise gibt es zahlreiche jüdische Trödler, und zwar besitzen diese in Buenos Aires von go Geschäften zwei Drittel. Man kann sagen, daß seinerzeit die Abzahlungsgeschäfte für Argentinien von den Ostjuden eingeführt wurden. Das noch von der ersten Generation vielfach gesprochene „Yiddisch" hat sich für diesen Betrieb hier sogar um das Wort „Suskrits" bereichert, das sicherlich von dem spanischen „suscripcion", die „Unterzeichnung", stammt. Für den kleinen Mann hat sich in dieser Branche eine Abart gebildet, die schon in -den Hausierhandel übergeht, und für den das nicht minder schöne Wort „Sukuentenik" von einem unbekannt gebliebenen Sprachkünstler erfunden wurde. „Succuenta" ist spanisch und bedeutet „Seine eigene Rechnung". Die Endsilbe „ik" findet sich in russischen Namen und hat den Sinn „Mann". „Sukuentenik" ist also ein Mann, der auf seine eigene Rechnung arbeitet. Besagter Mann begibt sich nämlich täglich von Haus zu Haus und bietet irgend einen Gegenstand, etwa eine Nähmaschine, einen Kleiderschrank, einen Anzug, ein Dutzend Hemden auf Abzahlung an, bringt das Gekaufte ins Haus, kassiert gleich die erste Rate ein und erscheint jeden Monat mit hervorragender Pünktlichkeit um die übrigen Raten in Empfang zu nehmen. Die Herren Sukuenteniks haben ursprünglich glänzende Geschäfte gemacht, klagen aber heute über allzu große Konkurrenz. Auch jüdische Hausierer und Straßenverkäufer fehlen in den großen Städten nicht; auf dem Lande und den kleinen Orten werden sie aber durch die schon erwähnten syrischen Araber ersetzt. Der Volksmund hat für diese Tätigkeit das Wort „tuti veinte" geprägt, Verstümmelung und Abkürzung von „Todo veinte Centavos" — alles 20 Centavos —, mit welchem Ausdrucke die Hausierer ursprünglich die Billigkeit ihrer Waren anpreisen wollten. Ostjuden wie Syrier betrachten jedoch diese ambulante Beschäftigung nicht als Lebenszweck, sondern bemühen sich, etwas Geld zu sparen und seßhaft zu werden, und es gibt heute angesehene Kaufleute, die als „Grüne" — wie die Juden ihre vor kurzem gelandeten Glaubensgenossen nennen, — mit dem Päckchen von Haus zu Haus gegangen sind. 7 91

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