Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 90 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898654--02656-2898773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ar turn Bah und entwickeln diese Werkstätten häufig zu kleineren und sogar mittleren Fabriken. Größere Industriewerke gibt es in Argentinien aus den schon erwähnten Gründen überhaupt wenig, und bei ihnen sind Juden wenig beteiligt. Es wäre müßig, alle Handwerke aufzuzählen, bei denen jüdische Hände tätig sind. Man findet diese in allen vertreten, von der Putzmacherin bis zum Böttcher und vom Bartputzer bis zum Schmied. Als Merkwürdigkeit sei bei dieser Gelegenheil erwähnt, daß in dem meiner Farm benachbarten Städtchen alle drei Landesproduktenhändler (Wolle, Felle usw.) Christen, alle sechs Schmiede und fast alle Schmiedegesellen dagegen Juden sind. Es gibt aber unter den Handwerken einige, welche die jüdische Bevölkerung ganz besonders anziehen und diese seien hier kurz erwähnt. Daß die Ostjuden als die einzigen Masseneinwanderer aus kalten Ländern besonders als Kürschner tätig sind, ist erklärlich, auch ihre große Zahl unter den Mützenmachern und Schneidern ist nicht erstaunlich, da sie bereits in Rußland sich diesen Berufen mit Vorliebe widmeten. Aber auch in anderen Handwerken stehen sie an erster Stelle, so daß sie diese, wenn nicht im Lande gegründet, jedenfalls stark entwickelt und zu Industrien erhoben haben. Es sind dies die Möbeltischlereien (von 3oo diesbezüglichen Werkstätten in Buenos Aires befinden sich r?3o in jüdischen Händen), die Herstellung von eisernen und bronzenen Bettstellen sowie anderer Bronzeartikel, die Verfertigung von Gummimänteln und ähnlichen Artikeln und von Koffern, lederne wie hölzerne. Zahlreich sind auch die Juden unter den Klempnern. Doch hat die jüngere Generation die Neigung, sich zu autodakten Mechanikern aus- und umzubilden. Dieser Beruf zieht überhaupt die Jugend stark an. Man findet daher vielfach jüdische Monteure und Ausbesserer von Autos, industriellen und landwirtschaftlichen Maschinen. Auch zahlreiche Zahntechniker, beiden Geschlechts, sind zu erwähnen. Die übrigen 55,43 0,0 der jüdischen Bevölkerung gehören allen erdenklichen Zweigen der Kaufmannschaft an, doch gibt es auch hier einige bevorzugte Branchen. Man kann sagen, daß der wichtigste Handelszweig der Republik, der Kauf und Verkauf von Getreide und Ölfrüchten, fast völlig von den Juden beherrscht wird. Von dem bescheidenen Weizenempfänger in dem entlegenen Pampas-Neste bis zu den Leitern und Teilhabern der großen Exporthäuser sind 80 bis 900/0 Juden, in den höheren Posten verhältnismäßig häufig deutsche, französische oder englische. In den beiden nächstwichtigen Ausfuhrartikeln, den Landesprodukten (Wolle, Felle. Därme) und dem Vieh sowie im Fleischexport, sind jüdische Firmen und Angestellte verhältnismäßig wenig vertreten. So gibt es unter den 80 in Buenos Aires und Umgebung etablierten „baraqueros", das heißt Exporteuren von Landesprodukten, nur drei, und von den je zehn in Rosario und Bahia Bianca (der Hafenstadt der Südzone") je eine jüdische Firma. Unter den Handwerkern sind zwar jüdische Fleischer und Wurstmacher ziemlich häufig, aber in dem großen Viehhandel der meist englischen oder nordamerikanischen Exportfabriken von Gefrierfleisch und Fleischextrakt sind wenig Juden tätig. 90