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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 89

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien
Date
1928-04-01
Page
89 (sequence 6)
Language
German
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Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien während für die fremden Idiome fast stets Lehrer der betreffenden Nation herangezogen werden. Volksschullehrer beider Geschlechter werden jedoch in den „colegio normal", genannten Seminaren, in übergroßer Zahl ausgebildet. Übergroß im Verhältnisse zu den vorhandenen Schulen; doch sind immerhin 46 ooo angestellt. Unter den weiblichen Lehrkräften befinden sich häufig Jüdinnen. Man sendet sie gern an die Orte, wo es zahlreiche jüdische Schüler gibt. So befinden sich z. B. in den Schulen von C.Casar,es, das, wie erwähnt, viele jüdische Einwohner hat, unter 85 Lehrerinnen 37 jüdischen Glaubens.1) Jüdische Lehrer sind seltener, auch benutzen sie den pädagogischen Beruf oft nur als Notbehelf, um sich für die juristische Notariat- Laufbahn vorzubereiten. Die Lehrkräfte der „Cutsos religiosos israelitas" haben staatlich geprüfte Lehrer; die anderen Verwaltungen unterstehenden Lehrkräfte haben meist kein Diplom, da es in Argentinien noch an einem jüdischen Lehrerseminar mangelt. In Stadt und Land, wo Juden leben, fehlt es natürlich nicht an jüdischen Kultusbeamten wie Chassen und Mohelim. (Das Adreßbuch führt allein für Buenos Aires 17 der letzteren an.) In Rosario gibt es auch einen Herrn, der sich Rabbiner betitelt. Mit welchem Rechte kann ich nicht beurteilen, denn meines Wissens ist der einzige an einer europäischen Hochschule approbierte Rabbiner der von der Congregacion Israelita zu Buenos Aires angestellte Herr, der zugleich die erwähnten Religionskurse leitet. Von den sogenannten freien Berufen sind die Juden besonders in der Musik (20 von 200 Konservatorien haben israelitische Leiter) und in der Journalistik vertreten, und zwar nicht nur in der jüdischen Presse (es gibt viele Organe in yiddischer und spanischer Sprache), sondern auch an den allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften. Auch unter den argentinischen Schriftstellern und Dramatikern von Ruf findet man bereits jüdische Namen, während Schauspieler — mit Ausnahme natürlich der spezifisch „yiddischen" Bühnen — noch selten sind. Wenn auch jeder unbescholtene Einwohner nach zweijährigem Aufenthalte das argentinische Bürgerrecht und damit eo ipso das aktive wie passive Wahlrecht erwerben kann, so reserviert doch meist eine Art ungeschriebenes Gesetz wichtige und einflußreiche Stellungen den geborenen Argentiniern. Als Ausnahme können daher zwei noch in Rußland geborene jüdische Kongreßabgeordnete, die Brüder Einrique und Adolfo Dickmann gelten, welche der sozialistischen Partei angehören, während der dritte jüdische Abgeordnete Leopoldo Bart, Mitglied der radikalen Bürgerpartei, im Lande geboren ist. Außer im Lehrfach findet man auch in anderen staatlichen Betrieben jüdische Beamte; so bei der Post, bei den allerdings zum großen Teil in Privatbesitz befindlichen Eisenbahnen u. a. Ämtern. Im Ganzen kann man schätzen, daß bereits jetzt 4°/o der Juden Argentiniens sich den akademischen, freien Berufen oder der Beamtenlaufbahn widmen. Einschließlich einer verhältnismäßig geringen Anzahl städtischer ungelernter Arbeiter befassen sich an 270/0 der israelitischen Bevölkerung mit Handwerk, *) Alle Staatsschulen Argentiniens sind simultan mit dem Verbote, irgend etwas, das an Religion erinnert, zu erwähnen. Achtzig Prozent aller Lehrkräfte der Volksschulen sind weiblich. S9

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