Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien
Date
1928-04-01
Page
87 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898654--02653-2898770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Die berufliche und soziale Schichtung <ier Juden in Argentinien hal die Mehrzahl der jüdischen Studenten sich dem Studium der Medizin zugewendet.1) Es gibt heute in Buenos Aires i35, in Rosario 4 jüdische Ärzte, in beiden Fällen 70/0 der Ärzte. In anderen Orten und auf dem Lande sind noch Iii jüdische Doktoren ansässig. Im Ganzen wären es also r8o. während es 1909 nur 3a gab. Fast ebenso zahlreich — nämlich i5o — ist die Zahl der jüdischen Zahnärzte, und zwar gibt es in Buenos Aires 128. in Rosario 10, in beiden Städten 3oo/o aller Doktoren der Odontologie. Im Jahre 1909 gab es deren nur 20. Der starke Andrang grade zu diesem Studium (es befinden sich eine Anzahl von Frauen darunter) erklärt sich wohl aus dem Umstände, daß das Studium der Zahnheilkunde bis vor kurzem weniger Zeit erforderte als das der Medizin. Aus diesem Grunde werden auch viele Juden Apotheker. Von etwa 200 Pharmazien sind in Buenos Aires 5o, in Rosario von 70 allerdings nur 6 in jüdischem Besitze. Im Lande findet man außerdem noch 29 israelitische Apotheker, im Ganzen also 235 gegenüber 29 im Jahre 1909. Acht Prozent aller diplomierten Hebammen in Buenos Aires — 38 an der Zahl — sind jüdischen Glaubens, in Rosario gibt es nur zwei unter 5o. Sehr viel geringer wie zu den medizinischen Fächern ist der Andrang der jüdischen Jugend zu den Rechtswissenschaften, obgleich im allgemeinen die Juden besondere Neigung dazu zeigen, und das Studium bedeutend kürzer ist wie in Europa. Es erklärt sich dies daraus, daß die „Juristerei" in Argentinien wie in ganz Latein-Amerika von jeher die Domäne der alt eingesessenen Kreolen war und daher stark überfüllt ist. So wie es im kaiserlichen Deutschland Leute gab, bei denen der Mensch erst mit dem Reserveleutnant anfing, so fehlt es in der romanischen Neuen Welt nicht an Kreisen, in denen der Doctor juris als Eintrittskarte in die sogenannte gute Gesellschaft zum mindesten sehr erwünscht ist. Immerhin ist auch die Anzahl der jüdischen Anwälte im Steigen. Während es 1909 im ganzen Lande nur zwei gab, haben sich bis Ende 1926 allein in Buenos Aires 32 — von i585 — in Rosario drei von i3o und in den übrigen Landesteilen noch drei weitere niedergelassen. Von der Advokatur getrennt ist im La Plata-Lande das Amt eines Notars, escribano publico, genannt. Es gibt allerdings bis jetzt nur 12 Juden unter ihnen'(1909 keinen), von denen 9 (unter 800) in Buenos Aires wirken. Auch die Richterlaufbahn ist den jüdischen Bürgern nicht verschlossen. Das Adreßbuch führt allerdings nur einen, und zwar einen Staatsanwalt in Formosa, der Hauptstadt des Territoriums desselben Namens, auf. Vor kurzem brachten jedoch die Zeitungen die Nachricht, daß ein sehr angesehener Richter jüdischen Glaubens in Mendoza gestorben sei; auch existiert in Buenos Aires ein Richter namens Levi. x) Die Angaben über die Universitäten beruhen nur auf Schätzungen, die aber von verschiedenen Seiten bestätigt wurden. Bei der Berufsverteilung beziehe ich mich auf das erwähnte jüdische Adreßbuch, doch sind sehr wahrscheinlich eine Anzahl der jüdischen Akademiker nicht aufgeführt, deren wirkliche Anzahl also noch größer. 87

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.