Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Neues und Altes zur Idee des Führertums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 66 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898651--02629-2898749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Regina Barkan Wirklichkeit, die werden soll. Der Sabbath sollte nach der Herrschaft der Bewußtheit, der Aktivität, das Moment der stillen Hingabe an die Stimmen aus dem noch Unbewußten bringen, das Objekt wird zum Subjekt, das Heute verliert seine Gewalt, das Morgen wirft seine Strahlen voraus. Die Erkenntnisse des suchenden, zergliedernden Denkens werden durch diese Kräfte zu einem Teile des lebendigen Werdens. Zu der großen Fülle der in den sechs Tagen geleisteten Arbeit mag sich dieses Seelenelement verhalten wie ein Tropfen, aber es ist jener Tropfen, der eine trübe Flüssigkeit in klare Kristalle wandelt, in denen sich spiegelt das Licht Es ist wahrlich kein Zufall, daß in der Gestaltung des Sabbaths der Frau eine so große Rolle zugedacht ist Denn sie, die man als Spenderin und Erhalterin des natürlichen Lebens kannte, sie sollte auch die Pflegerin des ewigen Lebens sein, sie, welche die lallenden Laute des Kindes verstand, sie mußte auch die dunklen Töne des Ungewordenen vernehmen können, sie, die Trägerin des ungeborenen Lebens, sie durfte auch die ungeborene Zukunft in sich vorwegnehmen. Allein nicht nur das gelobte Land als Ziel alles echten Führertums, enthüllt uns die Führergestalt des Moses, sie enthüllt uns zwar wenig aber immerhin doch einiges über das Werden des Führers. Daß die Gestalt des Moses sich nicht so leicht dem Herzen einschmeichelt, wie die anderer Religionsstifter, läßt sich auch damit erklären, daß er uns früh als ein Vollendeter entgegentritt: alles Persönliche ist in Sachlichkeit aufgegangen, ist Gesetz geworden. Fern genug von den Menschen, um an ihnen zu gestalten. Es ist der fertige Mensch, auf seiner Höhe, unnahbar, geweihter Boden. Nichts, was zur Vertraulichkeit einlädt, nichts von den Leiden des Werdenden, vom gebrochenen Licht des Halbdunkels, von Dämmerzuständen der Seele, nichts von all dem, was für die Seele des nordischen Menschen im besonderen die Erhabenheit hätte mildern können. In diese Lücke hatte auch einst die Passionsgeschichte des Christentums eingegriffen als das Mysterium des Werdens. Es ist also von Anfang an höchste menschliche Vollendung, was wir in Moses erblicken: Die innigste Verbindung zwischen der Schau des Geistes und dem praktischen Tun: dieses praktische Tun selber, in dem das Wort Gottes zum Dienst an der Mensheit, zur Gestaltung an Jahrtausenden wird Und der diese Aufgabe auf sich nimmt, die Aufgabe, die stärkstes Heroentum und lauterste Heiligkeit zur Voraussetzung hat, er bleibt immer nur demütiges Werkzeug. Erschauernd vor der Gewalt der Aufgabe, voll Zagen vor der eigenen Kleinheit unterzieht er sich halb widerwillig dem ihm 66