Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Neues und Altes zur Idee des Führertums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 63 (sequence 2)
- Language
- German
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Regina Barkan: Neues und Altes zur Idee des Führertums Idee des Führers. Und es gibt in der Tat bei Nietzsche Äußerungen über das Judentum — neben ganz anderen übrigens — aus denen hervorgeht, daß er im alten Judentum wirklich den Hort ahnte, wo er in lebendiger Verkörperung jene Menschengröße hätte finden können, die er suchte. Führertum — geistiges Führertum — diese Frage, die in Nietzsches Philosophie an zentraler Stelle steht, war zweifellos bestimmt, das eigentliche Problem seines Lebens und Schaffens zu werden. Ob Nietzsche nun vom höchsten Menschen, vom Gestalter der Zukunft, von den Herren der Erde spricht, immer ist es der geistige Führer, den er meint, der Führer, der so tief in das Wesen seiner Zeit eingedrungen ist, daß er nicht nur über sie hinau; in das gelobte Land des Morgen zu schauen, sondern auch andere dahin zu führen vermag. Und so aristokratisch auch die Aufgabe des königlichen Philosophen gefaßt wird, sein aristokratisches Bild weist mehr soziale Züge auf, als Nietzsche selber geahnt hat Die Einsamkeit dieses Menschengestalters ist niemals eine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern eine Versenkung in sie, damit er einst die Erlösung dieser Wirklichkeit heimbringt Es ist der Glaube an die von ihm erkannte Wahrheit, welche ihm den Platz bei den Menschen zuweist Er verzichtet auf Exklusivität, und er empfindet es als einen Mangel an Liebe bei den Philosophen, daß sie immer nur an die Ausgewählten denken: „Es müßte die Weisheit wie eine Sonne für jedermann scheinen und ein blasser Strahl selbst in die niedrigste Seele hinabtauchen können." Dieser Führer hat sich nichts erlassen und nichts geschenkt, er hat alle Krankheiten und alle Irrungen seiner Zeit auf sich genommen, denn er mußte in die Tiefen aller Menschlichkeit hinabsteigen, um aus ihnen den Schatz zu heben, der für seine Aufgabe unerläßlich ist: das Gesetz. Denn Nietzsches Führer — er wird zuletzt zum Gesetzgeber. Aber das Gesetz, das er gibt, ist nicht ein solches, das die Natur durch Ideale vergewaltigt. Ein Jasagen zu dem was wachsen will, ist dieses Gesetz. Und um so mehr wird es von der Zukunft zu ergreifen wissen, je tiefer es in das Wurzelreich des Lebendigen hinabgetaucht ist Mit dem Bilde eines solchen Gesetzes vor Augen träumt Nietzsche zuweilen von jenem Führer, der so tief in das Leben hinabgestiegen ist, daß er die kleinsten Verrichtungen des Tages heiligt, und der doch zu gleicher Zeit der Gesetzgeber ist, der Werte bestimmt und den Willen von Jahrtausenden lenkt Führertum bei Nietzsche — es ist Sorge um den Menschen als Ganzheit, "es ist Leben spendende Weisheit, es ist ein Gesetz, das die Erfahrung resümiert 63