Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 57 (sequence 11)
- Language
- German
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Di« religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums siocktheit der Herzen verursacht, die die wahre Erkenntnis Gottes und die Erfüllung seines Willens aufhält Die Rabbinen kannten sehr genau diesen allgemeinen Tatbestand in der menschlichen Natur, aber sie nannten das nicht Sünde. Sie verwandten diesen Ausdruck nur für individuelle Vergehen, wie es schon oben beschrieben wurde. Gewöhnlich benannten sie die schlechte Lage jedes Menschen mit dem Ausdruck „Yezer hara", was allgemein „das schlechte Prinzip" übersetzt wird. Genauer aber waren die Rabbinen der Ansicht, daß das Vorhandensein dieses Yezer hara in jedem Menschen die Ursache war für die schlechte Lage, in der er sich befand. Das „schlechte Prinzip" gab Gelegenheit zur Versuchung und eröffnete so den Weg zur Sünde. Es war ferner ein aktives Prinzip, das eine Macht ausübte, die allein durch große Willensanstrengung überwindbar war und die unterstützt wurde (das muß stets berücksichtigt werden) durch die göttliche Macht als Antwort auf das Gebet Doch es war nach der rabbinischen Auffassung der Schöpfer selbst, der dieses schlechte Prinzip dem Menschen eingepflanzt hatte, da es sein Wille war, daß der Mensch dagegen ankämpfen und es zu überwinden suchen solle. Jenes böse Prinzip ist es also, was die Erreichung der Harmonie mit Gott, nach der sich der Mensch sehnt, verhindert Kein Mensch war frei von diesem Prinzip außer derjenige, der es schon mit Hilfe Gottes überwunden hatte; solange aber es nicht überwunden war, konnte die Harmonie zwischen Mensch und Gott nicht erreicht werden. Aber die Rabbinen lehrten, daß dieses Böse überwunden werden konnte, und das Mittel dazu war die Gnade Gottes, die durch das Gebet erfleht wurde; und wenn auch jeder Mensch unter dem mächtigen Einfluß dieses bösen Prinzips stand, so konnte doch jeder, indem er sich Gott zuwandte und um seine Hilfe anflehte, aus diesem Zwang befreit werden. Das Bild der moralischen Verfassung der heidnischen Welt erfüllte den Juden mit Schrecken, so wie es auch die Seele von Paulus erfüllte, als er den Römerbrief schrieb, wie überhaupt die Seele jedes christlichen Lehrers seitdem. Doch der Jude vertrat die Ansicht, daß eine Befreiung für jeden Einzelnen dieser korrupten und verblendeten heidnischen Welt möglich sei, für jeden, ob Jude oder Heide, wenn er nur als ein Individuum zur Erkenntnis Gottes gebracht und zur Anerkennung seiner erlösenden Macht geführt würde. Die Mission von Israel als dem auserwählten Volke bestand darin, alle jene, die unwissend waren, zu dieser Erkenntnis von Gott und seiner erlösenden Kraft zu führen. Und wenn auch aus historischen Gründen das rabbinische Juden- 57